Der Blog des Bistums Osnabrück

Rückmeldungen und mehr

Dienstag, 12. Juli 2011 von bibo

Jetzt haben wir bald Mitte Juli, und ich habe mich noch nicht zu den Kommentaren zu meinem letzten Eintrag geäußert. Aber jetzt! Doch zuerst: DANKE für Eure Rückmeldungen (z.T. aus dem Religionsunterricht).

Es gibt ein Leben vor dem Tod! Das dürfen und wollen wir bei aller christlichen Ausschau nach dem größeren Leben nach dem Tod nicht übersehen. Ja, das Leben vor dem Tod bekommt durch das größere Ziel sogar einen ganz besonderen Wert. Ausschau nach dem „Leben in Fülle“ ist keine Vertröstung oder Flucht aus dem Irdischen. Aber dadurch, dass ich weiß, wohin es geht, kann ich mich mutiger in das Hier und Jetzt hineinbegeben. Wer das Leben nur als letzte Gelegenheit sieht, als etwas, das am Ende dann ins Nichts zurückfällt, darf nur ja nichts verpassen und verliert die Gelassenheit. Paulus nennt das sehr drastisch: „Lasst und fressen und saufen, denn morgen sind wir tot“ (vgl. 1 Kor 15,32). Alles wird ausgekostet, weil es kein Darüberhinaus gibt.

Und doch ist da diese Sehnsucht, dass es im Leben und im Tod mehr als alles geben muss, ist da diese Ahnung, dass alle Ungerechtigkeit, alles Leid, alles Ungehörte, alles Unvollendete danach schreit, ein erlösendes Ziel zu finden. Ob jeder das als Leben bei Gott ansieht, ist freilich fraglich. Aber selbst der Glaube an eine Reinkarnation sucht nach etwas über das jetzige Leben hinaus.

Es gibt kein Leben ohne Tod, aber es gibt auch keinen Tod ohne Leben. Der Blick auf eine Begegnung mit Gott, auf ein Bleiben bei Gott, diese Hoffnung, dass dieses Leben Wert hat für das ewige Leben, stärkt und ermutigt für das Leben vor dem Tod. Es „lohnt sich“, auf eine größere Gerechtigkeit hin zu leben und sich einzusetzen für das irdische Leben.

Die Begegnung mit Gott im Alltag ist so vielfältig und bunt wie unsere Lebenserfahrungen, mal mehr verborgen, mal mehr erschütternd, mal mehr beglückend, mal erst erkannt in der Rückschau. Ich bin davon überzeugt, dass im Tod der ganze Mensch in der Verdichtung seiner ganzen Geschichte, seiner ganzen Wahrheit vor Gott tritt, denn das kann nur geschehen, wenn das irdische Leben am Ende angekommen ist.

Der sogenannte „eschatologische Vorbehalt“, das heißt, dass alles noch einmal unter dem Zeichen der Vollendung durch Gott steht und deshalb im guten Sinn relativiert wird von dem Absoluten, gibt Gelassenheit und Hoffnung und kann die Angst vor dem Tod nehmen (wenn auch oft nicht vor dem Sterben). Wer die Abschiedsbriefe der Lübecker Märtyrer liest, die 1943 von den Nazis ermordet und vor kurzem seliggesprochen worden sind, ist tief erschüttert und berührt von der Angstlosigkeit und Freiheit, mit der sie in den Tod gegangen sind.

Soweit einige Gedanken zu den Kommentaren. Danke fürs Lesen!

Der Tod gehört zum Leben

Dienstag, 17. Mai 2011 von bibo

Hallo, ich melde mich nach stressbedingter Pause zurück. Die laute Musik der Maiwoche in Osnabrück dröhnt zu mir herüber. Da fällt es mir nicht ganz leicht, mich zu konzentrieren.

Ein Satz der letzten Tage geht mir nicht aus dem Gedächtnis. Eine Frau erzählte mir von ihrem schwer an Alzheimer erkrankten Vater, dass er sich auf den Tod freue und oft davon spreche. Sein Grund für die Freude: „Das ist ja im Leben die einzige Gelegenheit, Gott Vater persönlich kennenzulernen.“

In diesem verblüffenden Satz stecken gleich mehrere Wahrheiten und Weisheiten auf einmal. Der Tod gehört zum Leben. Es gibt kein Leben ohne die Konfrontation mit dem Tod. Und Tod ist nicht allein einsame Dunkelheit, Abtauchen ins Nichts. Auf die letzte Einsamkeit des Sterbens folgt Begegnung und Erwartet-Sein. Nicht das Leben ist die letzte Gelegenheit, in der man nur ja nichts verpassen darf, weil danach das Nichts folgt, sondern der Tod ist die letzte Gelegenheit und Möglichkeit, in eine Begegnung mit dem zu gelangen, der das Leben geschenkt hat. Tod ist nicht ein Ankommen an einem Ort – Himmel, Fegefeuer, Hölle – sondern Begegnung mit einer Person, die man darin erst richtig kennenlernt. Denn Gott zeigt sich dem Menschen auf ganz neue Weise. Als Gewonnener ist er Himmel, als Verlorener ist er Hölle, als Prüfender ist er Feuer. Aber immer ist es Gott und unsere Beziehung zu ihm, also nicht ein Ort, sondern ein Zustand.

„Du wirst mich kennenlernen“ kann menschlich ein Angebot von Nähe und eine unterschwellige Drohung zugleich sein. „Du wirst mich kennenlernen“ ist von Gott her das Angebot einer Liebe, die uns in der endgültigen Begegnung durchschaut. Wo dieses Durchschauen zur Entlarvung führt, liegt es am Vor-Leben des Menschen selbst. Für jeden, der sich Gott öffnet, ist sein „Gericht“ Aufrichtung und Erlösung.

„Der Tod ist die letzte Gelegenheit, Gott Vater persönlich kennenzulernen.“
Ein tiefsinniger Satz.

Achterbahn des Lebens

Montag, 31. Januar 2011 von bibo

Ein paar Tage wollte ich mich zurückziehen bei einer befreundeten Familie, zurückziehen zur Muße und zur Bearbeitung einer Veröffentlichung.

Doch das Leben holt mich schnell ein: Tod und Geburt. Die Uroma stirbt und die Urenkelin wird geboren. Gehen und Kommen. Sterben und Leben. Leid und Freude. Begegnungen, Gespräche, Tränen des Abschieds und der Freude. Sorgen um die tausend Dinge, die erledigt werden müssen. Hektik, blanke Nerven, das Gefühl der Überforderung – und dazwischen das 3-jährige Kind, das ein Schwesterchen bekommt: ein Lichtblick mitten in diesem Durcheinander, eine Ahnung dessen, was Tod und Leben ertragen lässt, ein Hauch ursprünglichen Lebens, das zeigt, dass Gott die Lust an diesem Drama des Menschseins noch nicht verloren hat.

Ich bin dankbar für diese Erfahrung, obwohl ich mir meinen Rückzug anders vorgestellt hatte. Das Leben ist eben eine Achterbahn! Bei Ihnen auch?

Von Weisheitszähnen und einem neuen Taubenschlag

Montag, 30. August 2010 von bibo

Hallo, ich bin wieder da nach dem großen Messdienertreffen in Rom und einem ruhigen, leider viel zu kurzem Urlaub im Schwarzwald. Angekommen im Alltag, fällt es mir noch ein wenig schwer, neu Tritt zu fassen. Es gibt viel Post und viele Terminanfragen. Dazu ist mir gerade der letzte meiner Weisheitszähne gezogen worden.
Zwei Dinge gehen mir aus den letzten Tagen nach: Ein Gottesdienst zur Landesgartenschau in Bad Essen unter dem Leitwort „Sehnsucht nach dem (verlorenen) Paradies“ und die für unser Bistum erstmalige Einweihung eines „Columbariums“ (wörtlich: „Taubenschlag“; das ist ein Ort für die Urnen von Verstorbenen in einer Kirche).
Viele Menschen aus allen Generationen waren dabei: Hier ein hohes Interesse an der Schönheit der Schöpfung, ihrer Bewahrung und Pflege – dort ein hohes Interesse am Umgang mit Sterben und Tod, am Übergang vom irdischen Leben in ein anderes. Sehr tiefgehende Fragen und Gespräche entwickelten sich um diese beiden Erfahrungen.
Ich denke, dass wir als Kirche dafür noch wacher sein sollten: Wo kann ich leben? Wie kann ich leben? Woraus kann ich leben? Wofür lebe ich? Wohin führt das alles? Ort, Lebensweise, Quelle, Sinn und Ziel beschäftigen junge wie ältere Menschen, wenn auch unterschiedlich.
In der mir heute durch meinen nicht mehr vorhandenen Zahn geschenkten Auszeit kann ich mich selbst wieder einmal auf besondere Weise mit diesen Fragen beschäftigen. Vielleicht werde ich so auch erfahren, ob nach der Entfernung der „Weisheitszähne“ die Weisheit eher geht oder wächst.
Wir werden sehen.

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