Der Blog des Bistums Osnabrück

Leben mit den Heiligen

Freitag, 04. November 2011 von bibo

Wird mir mal ein freier Tag geschenkt durch ausfallende Termine, muss ich mich mit einer Erkältung herumquälen. Nun ja, ich will die Zeit nutzen, um noch ein wenig mehr von meiner Reise nach Mexiko und Honduras zu berichten.

An einem der größten Wallfahrtsorte der Welt, Guadalupe in Mexiko, und an vielen anderen Orten konnte ich erleben, was den Menschen dort – vor allem den armen und den indigenen – die Verehrung der Heiligen bedeutet. In großer Buntheit und Vielfalt werden vor allem die Muttergottes, die Apostel, die Nothelferinnen und Nothelfer und die einheimischen Heiligen verehrt. Neuerdings in besonderer Weise der Apostel Judas Thaddäus, der für besonders aussichtslose Fälle ,zuständig‘ ist.

Mit allzu rationalem Blick mag man darüber lächeln oder besserwisserisch hinweggehen. Aber hier finden die Menschen Personen, mit denen sie sich in ihrem Leid, in ihren Nöten identifizieren können und die sich mit ihnen solidarisch zeigen. Die Beziehung zu den Heiligen und deren Verehrung führen nicht von Christus weg, der selbst vielfältig als wehrloses Kind oder als Leidender dargestellt ist. Im Gegenteil, sie führen zu ihm hin. Jesus Christus ist nicht allein zu denken und zu betrachten, sondern immer im Kreis seiner großen ,Familie‘, im Kreis derer, die ihm nachgefolgt sind.

Manchmal wünschte ich mir etwas von der Unbefangenheit dieser Menschen, mit den Heiligen und damit mit dem Heiligen zu leben und den Alltag zu gestalten. Selbst in der ärmsten Hütte gibt es Bilder und Skulpturen der Heiligen, wohl unterschieden von den Postern der Stars und Publikumslieblinge. Gerade in Guadalupe und am Heiligtum der Muttergottes von Honduras in Copan wird deutlich, wie die Religion des Volkes sich ihre eigene Freiheit und Unabhängigkeit von den Mächtigen und Reichen schafft, wie sie eine ,geheime‘ Art des Widerstandes ist in der Solidarität mit den Heiligen und untereinander.

Religion des Volkes und Volksfrömmigkeit im Sinne einer geerdeten Alltagsfrömmigkeit wären auch bei uns neu zu beleben, aber auch zu reflektieren. In unseren pastoralen Großräumen könnte das den Grundwasserspiegel des Glaubens besser erhalten. Freilich gesund und ganzheitlich eingebunden in die Kirche und nicht in sektenhafter instrumentalisiert zur Vertröstung oder zur Kaschierung der oft harten und auch ungerechten Wirklichkeit. – Allerheiligen und Allerseelen sind also nicht nur Totengedenken, sondern Feiern des Lebens und der Hoffnung mit Gott.

Auf nach Lateinamerika!

Montag, 10. Oktober 2011 von bibo

Die Koffer sind gepackt, die Reise kann losgehen: Mexiko und Honduras sind das Ziel. Nicht Urlaub, sondern Erweiterung des pastoralen Horizonts, gerade dort, wo wir lernen können, auch in unseren Breiten auf neue Art Kirche zu sein im Zusammenspiel vieler Begabungen von Getauften, Gefirmten, Beauftragten, Gesendeten und Geweihten, die gemeinsam Kirche im Heute für Morgen bauen wollen.

Nach der Begegnung mit zwei Bischöfen aus Honduras im vergangenen Jahr möchte ich nun persönlich wahrnehmen, wie Kirche sich dort einstellt auf die Situation der Gesellschaft und die sozialen Entwicklungen. Es waren zwei sehr unterschiedliche Bischofspersönlichkeiten, die ich seinerzeit kennenlernte, aber doch eins in dem Willen, zukunftsfähige Kirche zu gestalten, Verantwortung mit vielen zu teilen, die dafür vorbereitet, begleitet und beauftragt sind. Ich freue mich auf die Erfahrungen mit diesen hoch engagierten und kompetenten Menschen.

Ein solcher Austausch wirkt sich auf die Atmosphäre hierzulande und auf unseren Weitblick aus und anerkennt das Wert-volle, das Menschen auf allen Kontinenten einbringen können. Ich hoffe, mich durch den langen Flug noch tiefer auf die Begegnungen vorbereiten zu können.

Ein fernöstliches Sprichwort steht über unserer Erkundungsreise: „Wer sein Haus verlässt und nach Wissen sucht, der wandert auf Gottes Pfaden, und wer reist, um Wissen zu finden, dem wird Gott das Paradies zeigen.“ Ich bin gespannt.

Weltliches im Heiligen Land

Freitag, 15. April 2011 von bibo

Es ist leider schon einige Zeit her, dass ich mich gemeldet habe. Die Rückkehr von meiner Reise ins Heilige Land bescherte mir einen übervollen Schreibtisch und viele nicht weiter zu schiebende Termine. Meine Mitbringsel sind noch unverschenkt, meine Photos kaum gesichtet. Doch die Erinnerungen sind sehr gegenwärtig: an großartige, berührende Orte, wo die Luft des Evangeliums zu atmen ist, ja wo die Landschaft und die Stätten ein “fünftes Evangelium” sind – nicht geschrieben, nicht zu lesen oder zu hören, sondern zu schauen, zum Erwandern.

Auf der anderen Seite die schier unlösbaren Probleme eines Landes, das mehreren Religionen so heilig ist. Im Land der Bergpredigt fast täglich die Erfahrung des harten Gegenteils! Nein, eine Reise ins Heilige Land ist alles andere als erbaulich; sie lässt einen physisch erfahren, in was für eine Welt Gott hineingeboren ist: in eine Welt voller Gegensätze, Spannungen, Hass, Gewaltbereitschaft, Vergeltung – eine Welt, die auch nach Christus noch auf Erlösung wartet.

Doch dieses Land ist auch ein Stück Heimat für die Religionen, schon allein deshalb, weil kaum ein Tag vergeht, da man unter den Pilgern und Touristen nicht Bekannte trifft. Dieses Mal haben mich zwei Begegnungen besonders gefreut: Im Garten Gethsemani traf ich ein Ehepaar, das ich vor 24 Jahren getraut habe in der Gemeinde, in der ich Pfarrer war. Und vor der Grabeskirche begegnete ich wenig später einem Mann aus meiner Kaplansgemeinde, der vor 35 Jahren noch ein kleiner Junge war, dessen Oma mir aber noch im Gedächtnis ist. Bei ihm war eine Frau von einem Bauernhof, auf dem manche Feier nächtens beim Spiegeleieressen endete. Eine sehr weltliche Erinnerung inmitten der “heiligen Stätten”. Doch auch in diese Welt des Frohseins und der Feier ist Gott Mensch geworden. Er leidet nicht nur mit uns, er lächelt auch über uns…

Post aus dem Flugzeug

Montag, 21. März 2011 von bibo

Wechselbad der Gefühle: Bischofskonferenz in meiner Heimatstadt Paderborn – Kankenbesuche – ökumenische Begegnung – Fastenpredigt – Fußballspiel Osnabrück gegen Aachen mit bedrückendem Ausgang – Abschied von Ordensschwestern, deren Gemeinschaft sich über 150 Jahre den Kranken in unserem Marienhospital gewidmet haben – und nun die letzten Vorbereitungen für eine Reise nach Israel mit 80 Pilgern. In ein Land schier unlösbarer Gegensätze, aber eben in das Land, wo ich die Luft des Evangeliums atmen kann. Dazwischen die dramatischen Nachrichten aus Libyen und Japan…

Die derzeitige Unordnung um mich herum entspricht der Menge der Erfahrungen. „Wir wollen es ja nicht einfach!“ hat mir kürzlich jemand gesagt. Tatsächlich: „einfach“ wäre zu einfach. Lieber die spannende Vielfalt. Sie ist herausfordernder und lebendiger.

Ich nehme alles mit als „Gepäck“ ins Heilige Land, an die Orte, an denen Jesus die Menschen entlastet, aufgerichtet, erlöst hat. Nach der Heimkehr werde ich erzählen. Also einstweilen: Schalom!

Istanbul

Sonntag, 24. Oktober 2010 von bibo

Ein Basar mit zwölf Millionen Menschen. Mit diesem Eindruck komme ich aus Istanbul zurück. Ein Gewimmel von Autos und Passanten, von super modisch bis streng traditionell gekleidet. Viele Kinder, Wasserpfeife rauchende Männer und ächzende Lastenträger. Feilschende Händler, klönende Frauen… Und überall die gewaltigen Moscheen mit den Minaretten, die wie Zeigefinger in den Himmel ragen, als Orte ständigen Gebets. Hier und da auch eine der wenigen Kirchen der christlichen Konfessionen, die eher ein Schattendasein führen. Hier Stadtteile mit moderner Architektur, dort Wälder von Hochhäusern – und eben die Altstadt, die von bewegter Geschichte zeugt. Das alles verteilt auf Europa und Asien, verbunden durch Brücken. Und das alles bei grauem Himmel und Regen, eine ganze Woche lang.

Jemand hat einmal in einer großen Zeitung geschrieben: „Europa und die Türkei tun sich schwer miteinander. Sie teilen vieles und haben doch so wenig gemeinsam. Das ist aber auch ein großes Glück. Denn sonst gäbe es eine Stadt wie Istanbul nicht.“ Und weiter heißt es da: „Lächelt Istanbul seine Besucher an, oder lacht es sie aus? Vielleicht reicht ein Leben nicht, um aus dieser stolzen, schönen, spröden Stadt schlau zu werden“ (Jakob Strobel y Serra, in: FAZ vom 28. Februar 2008, S. R1).

Unabhängig von allen Diskussionen um Integration in unserem Land ist es gut, den Islam in dieser bunten Stadt zwischen Tradition und Moderne, zwischen Ost und West kennenzulernen; Menschen mit ihrem Alltag und ihrem Gebet, ihren Koranbetrachtungen und ihrem Spiel mit der Perlenschnur. Ebenso gut ist es, dem ökumenischen Patriarchen zu begegnen, der für eine verschwindende Minderheit in der Türkei und doch für eine riesige Zahl orthodoxer Christen über Ländergrenzen hinweg steht. Er ist freundlich, bescheiden, klug, geprägt von einer ständigen Aufmerksamkeit für die Gegebenheiten um ihn herum.

„Jeder sei in Istanbul ein Fremder, hat Orhan Pamuk geschrieben, der nirgendwo anders leben kann als in seiner Stadt, die sich auch selbst immer fremd geblieben ist und ihre Widersprüche nie zu einer Legierung verschmolzen hat.“ (zitiert nach s.o.) Solche „unlegierte“ Widersprüchlichkeit hinterlässt in mir viel Fragwürdiges und Nachdenkliches.

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