Der Blog des Bistums Osnabrück

Gemeinsam beten, geht das?

Freitag, 20. Mai 2011 von bea

Derzeit beschäftigen wir uns in einem Projekt über das Beten mit christlichen und muslimischen Kindern. In meinem letzten Blogeintrag habe ich Fragen vorgestellt, mit denen wir uns gerade auseinandersetzten. Ziemlich bald wurde uns klar, dass es da Schwierigkeiten geben würde. Wenn wir Christen beten, dann ist das immer ein Gebet im Namen Jesu Christi. Wir beten mit Jesus und in seinem Geist zu Gott. Muslime beten anders, und wir wollen da nichts vermengen.

Wir möchten die Kinder aber beim Beten nicht trennen, da sonst viele Abläufe unterbrochen und wichtige Erfahrungsprozesse gestört würden. Andererseits ist uns der Respekt der anderen Religion gegenüber ein hoher Wert. Wie können wir also weitermachen?

Zunächst haben wir Texte und Lieder gesammelt, die sowohl für das Beten mit christlichen als auch muslimischen Kindern geeignet sind. In dieser Materialsammlung geht es häufig um den Dank, die Schöpfung, und um die Gemeinschaft. Unser Ziel ist weiterhin die Kinder zum christlichen Gebet anzuleiten, aber auch das gemeinsame religiöse Lernen von christlichen und muslimischen Kindern zu fördern. Eine gute Anregung haben wir durch die Perlen des Glaubens erhalten, die der evangelische Bischof Martin Lönnebo entwickelt hat. Wir haben ebenfalls eine Perlenkette entwickelt.

Unsere “Perlen für Gott” werden nach und nach mit den Kindern erarbeitet. Anhand der 9 Perlen  können Kinder Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihrem Glauben entdecken. Mit jeder Perle sind Rituale, Texte und Lieder verbunden, die für beide Religionen anschlussfähig sind und sogar Erwachsenen Anregungen für das Gebet geben können. Demnächst mehr…

Weltliches im Heiligen Land

Freitag, 15. April 2011 von bibo

Es ist leider schon einige Zeit her, dass ich mich gemeldet habe. Die Rückkehr von meiner Reise ins Heilige Land bescherte mir einen übervollen Schreibtisch und viele nicht weiter zu schiebende Termine. Meine Mitbringsel sind noch unverschenkt, meine Photos kaum gesichtet. Doch die Erinnerungen sind sehr gegenwärtig: an großartige, berührende Orte, wo die Luft des Evangeliums zu atmen ist, ja wo die Landschaft und die Stätten ein “fünftes Evangelium” sind – nicht geschrieben, nicht zu lesen oder zu hören, sondern zu schauen, zum Erwandern.

Auf der anderen Seite die schier unlösbaren Probleme eines Landes, das mehreren Religionen so heilig ist. Im Land der Bergpredigt fast täglich die Erfahrung des harten Gegenteils! Nein, eine Reise ins Heilige Land ist alles andere als erbaulich; sie lässt einen physisch erfahren, in was für eine Welt Gott hineingeboren ist: in eine Welt voller Gegensätze, Spannungen, Hass, Gewaltbereitschaft, Vergeltung – eine Welt, die auch nach Christus noch auf Erlösung wartet.

Doch dieses Land ist auch ein Stück Heimat für die Religionen, schon allein deshalb, weil kaum ein Tag vergeht, da man unter den Pilgern und Touristen nicht Bekannte trifft. Dieses Mal haben mich zwei Begegnungen besonders gefreut: Im Garten Gethsemani traf ich ein Ehepaar, das ich vor 24 Jahren getraut habe in der Gemeinde, in der ich Pfarrer war. Und vor der Grabeskirche begegnete ich wenig später einem Mann aus meiner Kaplansgemeinde, der vor 35 Jahren noch ein kleiner Junge war, dessen Oma mir aber noch im Gedächtnis ist. Bei ihm war eine Frau von einem Bauernhof, auf dem manche Feier nächtens beim Spiegeleieressen endete. Eine sehr weltliche Erinnerung inmitten der “heiligen Stätten”. Doch auch in diese Welt des Frohseins und der Feier ist Gott Mensch geworden. Er leidet nicht nur mit uns, er lächelt auch über uns…

In diesem Sinne

Donnerstag, 02. Dezember 2010 von bibo

In den vergangenen Tagen habe ich einen sehr eindrücklichen Besuch gemacht in einer Einrichtung für geistig geschädigte Gehörlose, die in einer großen Werkstatt arbeiten und in der Nähe in Gruppen wohnen. Wer nicht hören kann, kann eine Lautsprache nur mühsam lernen, aber umso eher eine Gebärdensprache, die sehr unmittelbar und direkt ist. Sofort war ich als Besucher mitten dazwischen, denn Bewegung, Berührung, intensives und waches Erspüren des Anderen sind dort tief eingeprägt. Die lebendige Weise der Kommunikation und die vielfältige Weise, Talente und Fähigkeiten in der Werkstatt hervorzulocken, haben mich fasziniert.

Mein Sprechen musste ständig auf den Punkt gebracht werden, um es in einfache Sätze und Gebärden umsetzen zu können, was einem Theologen nicht gerade leicht fällt… Gleichzeitig bewundere ich Einsatz und Geduld der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der Begleiterinnen und Begleiter.

Diese Begegnung geht mir nach, weil sie mich daran erinnert, wie wertvoll unsere Sinne sind und wie intensiv sie einzusetzen sind, wenn nicht alle gebraucht werden können. Ebenso werde ich auf meine Sprache verwiesen und darauf, dass Sprechen ganz eng mit Hören verbunden ist. Sprechen lernen ohne zu hören, ist schwierig. Wer gut zuhören kann, wird vielleicht umso besser etwas zu sagen haben. Gehörlose nehmen dafür mehr ganzheitlich wahr. Eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Gebet der Religionen

Dienstag, 16. November 2010 von bibo

Gerade bereite ich eine kleine Begegnung in meinem Heimatdorf vor. Ein evangelischer Pfarrer, ein jüdischer Geistlicher und ich sollen einen Gedenkstein „einweihen“, der an eine 1938 deportierte jüdische Familie unseres Dorfes erinnert und an den späteren Abriss des sogenannten „Judenhauses“ neben unserer Kirche, das ich als Kind noch kannte.

Gebet der Religionen ist heute eine neue und wichtige Herausforderung. Ein gutes Beispiel haben wir kürzlich im Osnabrücker Rathaus erlebt aus Anlass des Symposiums „Was tragen die Religionen zum Frieden bei?“. Es hat mich und wohl alle rund 100 Teilnehmer tief berührt, die heiligen Texte der monotheistischen Religionen zu hören – auch in der Muttersprache – und die Vertreterinnen und Vertreter beten zu hören als Ausdruck des Vertrauens in die Macht und Liebe eines Größeren. Musik und Gesang aus den verschiedenen Kulturen haben das noch unterstrichen.

Beieinander vor Gott zu stehen und einander wahrzunehmen in den Grundakten der Religionen, gemeinsam vor Gott zu stehen im Gedenken an die dunkelste Zeit unserer Geschichte, bewahrt vor dem Vergessen und stärkt die gemeinsame Hoffnung auf Frieden!

Istanbul

Sonntag, 24. Oktober 2010 von bibo

Ein Basar mit zwölf Millionen Menschen. Mit diesem Eindruck komme ich aus Istanbul zurück. Ein Gewimmel von Autos und Passanten, von super modisch bis streng traditionell gekleidet. Viele Kinder, Wasserpfeife rauchende Männer und ächzende Lastenträger. Feilschende Händler, klönende Frauen… Und überall die gewaltigen Moscheen mit den Minaretten, die wie Zeigefinger in den Himmel ragen, als Orte ständigen Gebets. Hier und da auch eine der wenigen Kirchen der christlichen Konfessionen, die eher ein Schattendasein führen. Hier Stadtteile mit moderner Architektur, dort Wälder von Hochhäusern – und eben die Altstadt, die von bewegter Geschichte zeugt. Das alles verteilt auf Europa und Asien, verbunden durch Brücken. Und das alles bei grauem Himmel und Regen, eine ganze Woche lang.

Jemand hat einmal in einer großen Zeitung geschrieben: „Europa und die Türkei tun sich schwer miteinander. Sie teilen vieles und haben doch so wenig gemeinsam. Das ist aber auch ein großes Glück. Denn sonst gäbe es eine Stadt wie Istanbul nicht.“ Und weiter heißt es da: „Lächelt Istanbul seine Besucher an, oder lacht es sie aus? Vielleicht reicht ein Leben nicht, um aus dieser stolzen, schönen, spröden Stadt schlau zu werden“ (Jakob Strobel y Serra, in: FAZ vom 28. Februar 2008, S. R1).

Unabhängig von allen Diskussionen um Integration in unserem Land ist es gut, den Islam in dieser bunten Stadt zwischen Tradition und Moderne, zwischen Ost und West kennenzulernen; Menschen mit ihrem Alltag und ihrem Gebet, ihren Koranbetrachtungen und ihrem Spiel mit der Perlenschnur. Ebenso gut ist es, dem ökumenischen Patriarchen zu begegnen, der für eine verschwindende Minderheit in der Türkei und doch für eine riesige Zahl orthodoxer Christen über Ländergrenzen hinweg steht. Er ist freundlich, bescheiden, klug, geprägt von einer ständigen Aufmerksamkeit für die Gegebenheiten um ihn herum.

„Jeder sei in Istanbul ein Fremder, hat Orhan Pamuk geschrieben, der nirgendwo anders leben kann als in seiner Stadt, die sich auch selbst immer fremd geblieben ist und ihre Widersprüche nie zu einer Legierung verschmolzen hat.“ (zitiert nach s.o.) Solche „unlegierte“ Widersprüchlichkeit hinterlässt in mir viel Fragwürdiges und Nachdenkliches.

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