Zwei Besuche liegen hinter mir, die mir noch nachgehen:
ein Besuch im Gefängnis bei Untersuchungshäftlingen und ein Besuch in einer Behindertenhilfeeinrichtung des Bistums. In beiden Häusern Menschen in Grenzsituationen und Begleiter, die sich mit hohem Engagement für eben diese einsetzen, die so oft aus unserem Blickfeld herausfallen.
Im Gefängnis habe ich die ganze Bandbreite menschlicher Lebenswege wahrnehmen können mit ihren Brüchen und ihrem Scheitern. In der U-Haft geht es um existentielle Herausforderungen. Es kann sehr schmerzlich sein, sich der eigenen Wahrheit zu stellen. Die Seelsorge dort ist Lebens- und Glaubensbegleitung in einem sehr intensiven Sinn und trägt zur inneren Freiheit und Aufrichtung bei, denn für Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Ebenso brauchen alle Bediensteten und Verantwortlichen die Möglichkeit, Seelsorge in Anspruch zu nehmen, denn die Erfahrungen mit den Gefangenen lösen auch in ihrem eigenen Leben eine Menge Fragen aus.
Der Besuch bei den mehrfach Schwerstbehinderten am nächsten Tag hat in mir Bilder hinterlassen, die ich nicht so leicht loslassen möchte (und kann): Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, die körperlich und geistig ganz und gar auf Hilfe und Zuwendung angewiesen sind. Bei einem so kurzen Besuch ist nur schwer zu erfassen, wie die Begleiter/innen mit ihnen überhaupt in Kommunikation treten können, geschweige denn sich vorzustellen, wie Schule für diese Menschen gestaltet wird.
Mitleid und Hilflosigkeit sind deshalb die ersten Gefühle bei der Begegnung. Aber schon nach kurzer Zei ...
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In den vergangenen Tagen habe ich einen sehr eindrücklichen Besuch gemacht in einer Einrichtung für geistig geschädigte Gehörlose, die in einer großen Werkstatt arbeiten und in der Nähe in Gruppen wohnen. Wer nicht hören kann, kann eine Lautsprache nur mühsam lernen, aber umso eher eine Gebärdensprache, die sehr unmittelbar und direkt ist. Sofort war ich als Besucher mitten dazwischen, denn Bewegung, Berührung, intensives und waches Erspüren des Anderen sind dort tief eingeprägt. Die lebendige Weise der Kommunikation und die vielfältige Weise, Talente und Fähigkeiten in der Werkstatt hervorzulocken, haben mich fasziniert.
Mein Sprechen musste ständig auf den Punkt gebracht werden, um es in einfache Sätze und Gebärden umsetzen zu können, was einem Theologen nicht gerade leicht fällt... Gleichzeitig bewundere ich Einsatz und Geduld der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der Begleiterinnen und Begleiter.
Diese Begegnung geht mir nach, weil sie mich daran erinnert, wie wertvoll unsere Sinne sind und wie intensiv sie einzusetzen sind, wenn nicht alle gebraucht werden können. Ebenso werde ich auf meine Sprache verwiesen und darauf, dass Sprechen ganz eng mit Hören verbunden ist. Sprechen lernen ohne zu hören, ist schwierig. Wer gut zuhören kann, wird vielleicht umso besser etwas zu sagen haben. Gehörlose nehmen dafür mehr ganzheitlich wahr. Eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. ...
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Gerade durfte ich eine
Chagall-Ausstellung mit 43 Lithographien zur Bibel eröffnen. Diese Arbeiten sind nicht die Bilder einer Religion, sie sind Bilder der Menschheit, weil sie Ur-Ahnungen und Ur-Sehnsüchte der Menschen aufgreifen, die in den biblischen Szenen enthalten sind, und wie Traumbilder den Betrachter in der Seele berühren. Es sind Bilder der Liebe und des Friedens, der Suche nach Gott und des Ringens mit dem Leben. Sie sind auf ihre Weise ein wichtiger Beitrag zum Frieden, wie er immer wieder aus Religion, Kunst, Kultur, Dichtung, Musik erwächst.
Mitten in den täglichen Meldungen über die Opfer von fundamentalistischen und terroristischen Akten religiöser Fanatiker – ich denke gerade besonders an die dutzenden getöteten Katholiken bei der Geiselnahme in Bagdad – ist es lebens-notwendig, die positiven Kräfte des Religiösen zu stärken und in tägliche Lebenspraxis zu übersetzen – auch hierzulande. Gute Bilder können dabei sehr hilfreich sein. ...
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Ein Basar mit zwölf Millionen Menschen. Mit diesem Eindruck komme ich aus Istanbul zurück. Ein Gewimmel von Autos und Passanten, von super modisch bis streng traditionell gekleidet. Viele Kinder, Wasserpfeife rauchende Männer und ächzende Lastenträger. Feilschende Händler, klönende Frauen... Und überall die gewaltigen Moscheen mit den Minaretten, die wie Zeigefinger in den Himmel ragen, als Orte ständigen Gebets. Hier und da auch eine der wenigen Kirchen der christlichen Konfessionen, die eher ein Schattendasein führen. Hier Stadtteile mit moderner Architektur, dort Wälder von Hochhäusern – und eben die Altstadt, die von bewegter Geschichte zeugt. Das alles verteilt auf Europa und Asien, verbunden durch Brücken. Und das alles bei grauem Himmel und Regen, eine ganze Woche lang.
Jemand hat einmal in einer großen Zeitung geschrieben: „Europa und die Türkei tun sich schwer miteinander. Sie teilen vieles und haben doch so wenig gemeinsam. Das ist aber auch ein großes Glück. Denn sonst gäbe es eine Stadt wie Istanbul nicht.“ Und weiter heißt es da: „Lächelt Istanbul seine Besucher an, oder lacht es sie aus? Vielleicht reicht ein Leben nicht, um aus dieser stolzen, schönen, spröden Stadt schlau zu werden“ (Jakob Strobel y Serra, in: FAZ vom 28. Februar 2008, S. R1).
Unabhängig von allen Diskussionen um Integration in unserem Land ist es gut, den Islam in dieser bunten Stadt zwischen Tradition und Moderne, zwischen Ost und West kennenzulernen; Menschen mit ihrem Alltag und ihrem Gebet, ihren Koranbetrachtungen und ihrem Spiel mit der Perlenschnur. Ebenso gut ist es, dem ökumenischen Patriarchen zu begegnen ...
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"Mehr rührt uns der Unglaube des Thomas als der Glaube der glaubenden Jünger". Dieser Satz des hl. Gregor sprang mir am Fest des Apostels Thomas in die Augen. Thomas, der Skeptische, der oft noch einmal nachfragt und die großen Worte Jesu hinterfragt (
Joh 14,5), dringt dadurch tiefer in das Geheimnis Gottes ein als diejenigen, die immer schon wissen, wie glauben geht. Dazu fällt mir ein kleines Gedicht von Erich Fried ein:
zweifle nicht
an dem
der dir sagt
er hat Angst
aber hab Angst
vor dem
der dir sagt
er kennt keinen Zweifel
(Erich Fried, Gründe. Gesammelte Gedichte, Berlin 1934)
Oft fragen mich die jungen Leute in den Gesprächen bei der Firmung: Haben Sie auch manchmal Zweifel? Meine Antwort: Es gibt keinen Glauben ohne Zweifel, da Glauben nicht mathematische Gewissheit ist, Zweifel auch nicht ein vages Nichst-richtig-wissen. (z.B. "Ich glaube, bis zum Bahnhof ist es ein Kilometer.") Glaube ist das Wagnis, zu vertrauen, dass unser Leben nicht nur aus Gewissheiten und festen Daten besteht und lebt, sondern tiefere Gründe hat als alles, was man haben, machen und kaufen kann. Es ist das Wagnis, jemandem zu trauen, der größer ist als ich selbst, anzunehmen, dass es einer gut mit mir meint, der größer ist als meine Mitmenschen und ich.
Wer keine Zweifel kennt, hat diesen Größeren schon auf sein eigenes Maß gebracht, weil er das Abenteuer des Ungewissen nicht mehr kennt.
Jesus nimmt den Zweifel des Thomas an und lässt sich von ihm berühren. Das weitere Wort Jesu bleibt freilich eine Provokation: Selig, die nicht s ...
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Doch wohl besser: Intelligenztests für politische Vorschläge! Zunächst hatte ich es ja nur für einen Scherz im Sommerloch gehalten, den sich einige Unionspolitiker da geleistet haben, als sie für Zuwanderer Intelligenztests forderten.
Eigentlich müsste die Lektüre der Artikel 1-3 des Grundgesetzes reichen, um diese Debatte in einer zivilisierten Demokratie zu beenden. Aber nicht nur das! Wie kann es passieren, dass ausgerechnet Politiker christlicher Parteien zu solchen Ideen fähig sind? Sind vor Gott nicht grundsätzlich alle Menschen gleich? Noch radikaler formuliert es das Matthäusevangelium, wenn es sagt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder (und Schwestern) getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40) Vom IQ steht da nichts…
Aber denken wir den Vorschlag einfach einmal weiter :)
Auf lange Sicht würden dann die Zuwanderer den Durchschnitts-IQ in diesem Land deutlich heben. Wenn die dann auch noch in die Politik gehen sollten, wäre das für unsere Demokratie sicher bereichernd.
Oder wie wäre es mit einer gestaffelten Mehrwertsteuer in Abhängigkeit zum IQ? Das wäre doch ein wunderbarer Anreiz für eine gute Frühförderung und Bildungspolitik und würde die Staatsfinanzen sicher besser sanieren, als eine ermäßigte Mehrwertsteuer auf Rennpferde und Hotelübernachtungen.
Oder brauchen wir eher eine Intelligenzprüfstelle im Deutschen Bundestag für politische Vorschläge?
Die Liste ist eröffnet: Was meint ihr? ...
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