Der Blog des Bistums Osnabrück

Wurzelbehandlung

Dienstag, 07. Februar 2012 von bibo

Ein kleines neues Buch von mir ist erschienen. Es befasst sich mit unseren eigenen Abgründen. Ein spannendes Thema. Weil es mich lange beschäftigt hat, will ich das Büchlein kurz vorstellen.

Seit uralter Zeit werden Grundversuchungen der Menschen in sieben Wurzelsünden ausgedrückt, die uns in vielfacher Gestalt persönlich, in unserer Umgebung, in Kirche und Gesellschaft begegnen:

  • Überheblichkeit und Stolz (superbia)
  • Habgier und Geiz (avaritia)
  • Wollust und Unkeuschheit (luxuria)
  • Missgunst, Neid und Eifersucht (invidia)
  • Unmäßigkeit und Völlerei (gula)
  • Zorn und Hass (ira)
  • Trägheit und Unlust (acedia)

Schon oft war mir diese Reihe begegnet in der darstellenden Kunst und der Literatur. So habe ich mich in einer Fastenzeit näher damit auseinandergesetzt.

Die Betrachtung dieser Verhaltensweisen, dieser Haltungen hält uns einen Spiegel vor und lässt uns besser auf unsere eigene Schliche kommen, denn viel Fehlverhalten und Sünde gründet in diesen Wurzeln. Wurzelbehandlung wird nötig. Dafür müssen wir die Wurzeln aber freilegen, sie wahr-nehmen und bereit sein, uns von positiven Impulsen unseres Glaubens vor allem aus der Heiligen Schrift – und hier besonders von Paulus – herausfordern zu lassen. Das Büchlein kann ein guter Begleiter durch die Fastenzeit sein, in der unzählige Menschen auf verschiedene Weise ihrem Leben mehr auf den Grund gehen in der Vorbereitung auf Ostern.

Wir sind es gewohnt, im Vaterunser zu beten: „Und führe uns nicht in Versuchung“. Der Titel des Buches ist mit einem gewissen Stolperstein versehen. Es heißt: „Und führe uns in der Versuchung“. Führe uns in den Versuchungen, die uns nicht erspart bleiben, mit denen wir aber umzugehen lernen sollen. Früher oder später muss sich jeder seinen Schattenseiten stellen. Ich würde mich freuen, wenn meine Gedanken dazu helfen würden. Sie könnten dann auch ein wenig zur Heilung, zum Heil beitragen.  – Ich bin gespannt auf die Reaktionen.

Nachweihnachtliche Post

Dienstag, 17. Januar 2012 von bibo

Endlich melde ich mich wieder im schon gar nicht mehr so Neuen Jahr. Trotzdem wünsche ich allen noch Gottes reichen Segen für die kommenden Monate. Wer weiß, was sie alles für uns bereithalten?!

In den vergangenen Wochen habe ich mich durch viel Weihnachts- und Neujahrspost gelesen. Über 400 Briefe von Freunden, Bekannten und vielen Gemeinschaften und Institutione. Ich habe mir nie abgewöhnt, all diese Post genau anzuschauen, weil sie mit Liebe und Gewissenhaftigkeit abgeschickt ist und mir zeigt, wie viele mich in meinem Dienst und unsere ganze Kirche mittragen und sich uns verbunden wissen.

Einige Briefe kommen bewusst erst nach Weihnachten, weil die Absender vermeiden wollen, dass sie ,untergehen‘. Einer ist mir besonders aufgefallen. In ihm heißt es:

„,Als die drei Könige, von ihren Gaben entlastet, wieder aus dem Stall traten, hielt Kaspar erschrocken inne. ,Der Stern‘, sagte er. ,Was ist mit ihm?‘ fragte Melchior. ,Er ist weitergezogen‘, sagte Kaspar. ,Hast du jemals einen Stern stillstehen sehen?‘ fragte Balthasar.‘ (Adolf Muschg) – Der Stern ist weitergewandert. Alle Weihnachtsgrüße sind verklungen, und die guten Neujahrswünsche eilen ihrer Erfüllung entgegen. Die Hirten kommen aus dem Staunen heraus und finden sich wieder ein in ihrer Welt. Die drei Könige verharren nicht mehr in der Anbetung, sondern machen sich auf den Heimweg. Und die Mächtigen im Lande tun alles, um ihre Macht zu erhalten, und die Ohnmächtigen bleiben schutzlos. Fast könnte man sagen, es ist alles wieder beim Alten. Und trotzdem hat sich für uns alle etwas verändert: Gott berührte Menschen!“

Gott berührte Menschen. Heute besteht oft der Eindruck, es ließen sich nur noch wenige von ihm berühren. Die Post und die Begegnungen der Weihnachtszeit zeigen mir aber, wie sich viele auf unterschiedliche Weise berühren lassen über den Kreis unserer Gemeinden hinaus. Das Kind, in dem Gott zu uns kommt, bewegt eben doch noch sehr viele, die nun wieder ermutigter in ihren Alltag gehen. Und selbst manche, die froh sind, dass die nicht immer leichten Tage um Weihnachten und Jahreswechsel vorbei sind, möchten auf die tiefste Aussage dieses Festes nicht verzichten: dass Gott einer von uns ist und dass er unser Leben begleitet.

Es scheint wieder alles beim Alten zu sein, und doch hat das Alte wieder einen Stern über sich und vor sich…

Gott im Dazwischen

Dienstag, 27. Dezember 2011 von bibo

„Zwischen den Jahren“ – eine eigene Zeit. Zwischen-Zeit! Ein turbulentes Jahr geht für mich dem Ende zu. Viele Begegnungen zu Weihnachten: Schwerkranke, Sterbende, Trauernde, Wohnungslose, Suchende, Ängstliche, Eilige, vom Weihnachtsmarkt und Geschenkekauf Berauschte, aber auch viele voller Vorfreude, Gelassenheit, Dankbarkeit für das Jahr…

Das neue Jahr kommt mit vielen Terminen auf mich zu. Zwischen den Jahren wird der Kalender gewechselt. Er füllt sich bald mit vielen vorgemerkten Begegnungen und Ereignissen, die schon vor mein Auge treten. Momente der Rückbesinnung, des Verweilens und der Vorschau in diesem „Zwischen“ der Jahre.

Eine eigene Stimmung haben diese Tage, aber auch eine typische. Denn immer lebe ich auch in diesem „Zwischen“: noch nicht ganz weg vom Letzten, noch nicht ganz da beim Nächsten. Dabei kann einem das „Jetzt“ leicht verloren gehen, das Auskosten der Zeit, die nicht im „Zwischen“ zerrieben werden darf.

Zwischen den Jahren wünsche ich allen, dass sie im Neuen Jahr nicht nur „dazwischen“ geraten, sondern den Augenblick leben als Zeit unter dem Augen-Blick Gottes, der da ist in unserer Zeit und Welt – und, wie tröstlich, auch im „Dazwischen“. Gott sei Dank!

Weihnachtsmarkt

Donnerstag, 15. Dezember 2011 von bibo

Rückzug ins Kloster, in die Stille, wenn auch nur für kurze Zeit. Dieses vorweihnachtliche Geschenkt mache ich mir gerade. Weg von der Unruhe der letzten Tage mit Fahrten nach Paderborn, Regensburg, Würzburg, Münster, Bremen und Hamburg. Weg aber auch von der Dauerbespielung mit Weihnachtsliedern vom Weihnachtsmarkt vor meiner Haustür. Weihnachts-Markt. Mich stört es nicht, wenn Menschen aller Generationen die Atmosphäre der bunten Verkaufsbuden suchen und die Leckereien der verschiedenen Stände genießen, auch wenn ich mir Advent anders vorstelle.

Doch fast unerträglich ist mir das, was danach geschieht, wenn die Buden und Stände zu humaner Zeit geschlossen haben. Après Weihnachtsmarkt sozusagen: überfüllte Gaststätten mit feiernden Gruppen, die sich dann zum Teil in grölende Scharen verwandeln, die bis in die Morgenstunden umherziehen. Zipfelbemützte Weihnachtsmänner und -frauen veranstalten eine Art vierwöchigen Straßenkarneval im Winter. Ich persönlich kann dem nicht viel Weihnachtliches, geschweige denn Adventliches abgewinnen. Natürlich will ich damit nicht wieder die „Spaßbremse“ sein, wie man es von der Kirche gemeinhin erwartet. Doch es fällt mir schwer, das alles mit dem Ruf nach Ruhe, Besinnung, Orientierung und Neuausrichtung zusammenzubringen, der ja in diesen Tagen nicht nur aus der Kirche kommt.

Niemand will der vorweihnachtlichen Zeit ihren Charme, ihren Duft und ihren erinnerungsschwangeren Glanz nehmen. Auch die Kirche kennt neben dem strengen Johannes dem Täufer, dem Rufer in der Wüste, viel schönes Brauchtum zur Vorfreude. Aber hier werden vier Wochen vermarktet, die am Ende auf ein ziemlich katerhaftes, müdes Weihnachtsfest zulaufen. Auch das erlebe ich in den weihnachtlichen Nächten in der Mitte der Stadt.

Es ist offensichtlich so, dass alles, was einmal in Ruhe und Beschaulichkeit anfing, durch Vermarktung und Vermassung diesen Charakter verliert. Ich bin davon überzeugt, dass irgendwann viele doch wieder den Rückzug suchen in eine Welt des wahren Lichts, der hoffnungsfrohen Lieder, der echten Worte und der wirklichen liebenden Zuwendung, sodass jemand ankommen kann, der uns auch in diesem Chaos sucht: der menschgewordene Gott selbst.

Noch einen gesegneten Advent!

Leben mit den Heiligen

Freitag, 04. November 2011 von bibo

Wird mir mal ein freier Tag geschenkt durch ausfallende Termine, muss ich mich mit einer Erkältung herumquälen. Nun ja, ich will die Zeit nutzen, um noch ein wenig mehr von meiner Reise nach Mexiko und Honduras zu berichten.

An einem der größten Wallfahrtsorte der Welt, Guadalupe in Mexiko, und an vielen anderen Orten konnte ich erleben, was den Menschen dort – vor allem den armen und den indigenen – die Verehrung der Heiligen bedeutet. In großer Buntheit und Vielfalt werden vor allem die Muttergottes, die Apostel, die Nothelferinnen und Nothelfer und die einheimischen Heiligen verehrt. Neuerdings in besonderer Weise der Apostel Judas Thaddäus, der für besonders aussichtslose Fälle ,zuständig‘ ist.

Mit allzu rationalem Blick mag man darüber lächeln oder besserwisserisch hinweggehen. Aber hier finden die Menschen Personen, mit denen sie sich in ihrem Leid, in ihren Nöten identifizieren können und die sich mit ihnen solidarisch zeigen. Die Beziehung zu den Heiligen und deren Verehrung führen nicht von Christus weg, der selbst vielfältig als wehrloses Kind oder als Leidender dargestellt ist. Im Gegenteil, sie führen zu ihm hin. Jesus Christus ist nicht allein zu denken und zu betrachten, sondern immer im Kreis seiner großen ,Familie‘, im Kreis derer, die ihm nachgefolgt sind.

Manchmal wünschte ich mir etwas von der Unbefangenheit dieser Menschen, mit den Heiligen und damit mit dem Heiligen zu leben und den Alltag zu gestalten. Selbst in der ärmsten Hütte gibt es Bilder und Skulpturen der Heiligen, wohl unterschieden von den Postern der Stars und Publikumslieblinge. Gerade in Guadalupe und am Heiligtum der Muttergottes von Honduras in Copan wird deutlich, wie die Religion des Volkes sich ihre eigene Freiheit und Unabhängigkeit von den Mächtigen und Reichen schafft, wie sie eine ,geheime‘ Art des Widerstandes ist in der Solidarität mit den Heiligen und untereinander.

Religion des Volkes und Volksfrömmigkeit im Sinne einer geerdeten Alltagsfrömmigkeit wären auch bei uns neu zu beleben, aber auch zu reflektieren. In unseren pastoralen Großräumen könnte das den Grundwasserspiegel des Glaubens besser erhalten. Freilich gesund und ganzheitlich eingebunden in die Kirche und nicht in sektenhafter instrumentalisiert zur Vertröstung oder zur Kaschierung der oft harten und auch ungerechten Wirklichkeit. – Allerheiligen und Allerseelen sind also nicht nur Totengedenken, sondern Feiern des Lebens und der Hoffnung mit Gott.

Seiten

Kategorien

Suchen

Archiv

Das Bistum Osnabrück auf

Tagcloud

mehr zum klicken

blogroll