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Carolin Hanke

Verhörer

Freitag, 12. Februar 2016 von Carolin Hanke
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Sind Sie auch ein Fan von Sprachspielen und Sprachwitzen? Doppelbödige Sprüche, gezielte Versprecher und Schüttelreime bringen mich immer zum Lachen. Gewollte oder ungewollte Versprecher – ich lache über beides genauso gerne. Kleinen Kindern passiert das oft, wenn sie ein neues oder kompliziertes Wort nachplappern. Wir Erwachsene können das aber genauso – weil unsere Gedanken schon woanders sind als beim ruhigen Aussprechen unserer Worte, oder weil die Zunge stolpert. Das umgekehrte Phänomen zum Versprecher gibt es auch: den Verhörer. Also, ich meine nicht das, was die Polizei unter Umständen mit einem machen könnte; ich meine das Sich-verhören beim Hinhören.

Axel Hackes „Der weiße Neger Wumbaba“ ist voll von solchen wunderbaren Verhörern. In einer Runde gibt jemand einen Verhörer zum Besten und alle anderen erinnern sich an ähnliche Situationen und können einstimmen. Dann erzählt jeder seinen Lieblings-Verhörer. Dies hier ist mein ganz eigener:

In meiner Kindheit bin ich mit meinen Eltern und meinem Bruder regelmäßig in den Gottesdienst gegangen. Mir waren bald alle Lieder im Gotteslob und die liturgischen Texte gut bekannt – so gut bekannt, wie sie einem Kind eben sein können. Es gab jedenfalls ein Marienlied, das unsere Gemeinde oft als Schlusslied gesungen hat: „Maria, breit‘ den Mantel aus“. Vermutlich hätte ich es gar nicht besonders wahrgenommen, aber da meine Mutter jedes Mal sagte, wie sehr dieses Lied meiner Oma gefallen hat, hörte ich eben genauer hin. Und dann kam der Kehrvers: „Patronen voller Güte …“. Toll! Patronen voller Güte, die man in die Spielzeugpistole stecken und abfeuern kann – das ist ja genial. Und überall, wo Güte fehlt, muss man einfach nur mit den Patronen hinzielen und schon ist die Güte da. Weiter heißt es: „Patronen voller Güte, uns alle Zeit behüte[n]“. Ich habe wohl gemerkt, dass es da einen sprachlichen Fehler gab, aber das lag für mein kindliches Verständnis am Gotteslob. Jemand hat einfach ein „n“ vergessen. Das kann passieren, auch im Gotteslob kann ja mal ein Fehler sein. Ich habe darüber hinweg gesehen, es geht ja immerhin um Güte. Ich hörte das Lied viele Jahre gerne mit dem immer gleichen Wohlbefinden. Diese Patronen voller Güte können uns allezeit behüten, eine großartige Idee. Für mich war die Sache rund.

Erst viel später hat sich herausgestellt, dass  die „Patronen“ eine „Patronin“, also eine Schutzherrin, ist und ich es mit einem Marienlied zu tun hatte. Und ich habe bemerkt, dass Patronen, die man mit Schusswaffen abfeuert, gar nicht so unschuldig sind.

Es ist schon interessant, dass so viele Verhörer aus dem liturgischen Bereich zu kommen scheinen. Etwas, das doch eigentlich klar und gewiss scheint, wird durch das Verhören aufgebrochen und kann nochmal für ganz neue Ideen und Zusammenhänge sorgen. Der Verhörer irritiert erstmal auf eine ungewollte, aber dann doch ziemlich geniale Art und Weise. Mein Verhörer hat in diesem Fall eine Phantasie ausgelöst, die dem Lied kindlichen Sinn gegeben hat. Wer weiß, wie viele Verhörer noch in uns stecken, die zu einem lichten Moment werden können.

Ich höre jedenfalls weiter gut hin.

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Dieser Beitrag wurde am Freitag, 12. Februar 2016 um 12:24 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Zukunftsgespräch 2015/16 abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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