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daniela engelhard

40 Tage in der Wüste

Dienstag, 09. Februar 2016 von daniela engelhard
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Wie kann man das bloß aushalten? Mehrere Wochen mutterseelenallein in der algerischen Wüste, zwei Stunden entfernt von der nächsten menschlichen Siedlung. Der in Leipzig lebende Priester Andreas Knapp hat sich diesem Experiment gestellt. Trinkwasser aus einem Brunnen schöpfen, sich an Datteln als tägliches Grundnahrungsmittel gewöhnen, in der Nachbarschaft einer gefährlichen Giftschlange leben… das sind nur einige seiner Erfahrungen in der kargen Landschaft der Sahara. Er gehört zur Ordensgemeinschaft der „Kleinen Brüder“, deren Lebenskultur einen vierzigtägigen Aufenthalt in der Wüste nach dem Vorbild Jesu vorsieht. Über seine außergewöhnliche Auszeit hat Knapp ein spirituelles Tagebuch verfasst und unter dem Titel „Lebensspuren im Sand“ im Herder-Verlag veröffentlicht. Die Lektüre hat mich so gefesselt, dass ich das Buch am liebsten in einem Rutsch durchgelesen hätte. Aber dazu ist es nicht geschrieben. Es eignet sich dazu, Tag für Tag einen Abschnitt eher zu meditieren als zu lesen. Für seine Wüstenzeit, in der er gezwungen war, sich auf das Wesentliche zu reduzieren, hatte Andreas Knapp eine klare Tagesstruktur gewählt: morgens vor Sonnenaufgang aufstehen, einen Abschnitt aus dem Markusevangelium meditieren, dann beten, wandern, essen, schlafen… An jedem der 40 Wüstentage notiert er seine Erlebnisse im Tagebuch und verbindet sie jeweils mit einer Betrachtung zum Markusevangelium. Er schildert die faszinierenden Seiten der Wüste: die rot-gelb-blauen Sonnenuntergänge, den einzigartig klaren Sternenhimmel, die täglich vom Wind neu gestalteten Sanddünen, die unscheinbaren Pflanzen, die dem trockenen Klima trotzen. Aber auch die herben und schwierigen Erfahrungen werden schonungslos ehrlich beschrieben: das Ausgeliefertsein, die innere Unruhe, das Kreisen um sich selbst, die immer neue Suche nach Gott. Die Einsamkeit spült schmerzhafte Erinnerungen an frühere seelische Verletzungen und Wunden hoch. Indem Andreas Knapp sich so offen und direkt mitteilt, bezieht er den Leser in seine Erlebnisse mit ein.

Mehr als zweitausend Kilometer von Algerien entfernt, fühle ich mich bei der Lektüre wie eine Mitbewohnerin in seiner ärmlichen Einsiedelei. Ich fiebere mit ihm, wenn er die Spuren der Giftschlange verfolgt, freue mich mit ihm, wenn er angesichts der Schönheit der Morgendämmerung zu singen beginnt und bin mit ihm traurig, wenn ihm in der Einsamkeit die Tränen kommen. Durch das lange Alleinsein, die Stille und das Schweigen erlebt sich Knapp viel sensibler und achtsamer, als es ihm sonst im Alltag einer Großstadt und in der Fülle der Aufgaben möglich ist. Das, was er bei seinen ausführlichen Wanderungen durch die Sahara wahrnimmt – die Sandspuren, das ausgetrocknete Wadi, die kleine Oase mit grünen Sträuchern – wird ihm zum Bild für seine Beziehung zu Gott. Alles wird durchlässig und verweist auf den Schöpfer, dem er sein Leben verdankt: „Der Sternenhimmel überwölbt mich heute Nacht wie ein Zelt, in dem ich daheim bin. Ein tiefes Gefühl von Heimat und Frieden steigt in mir auf. Gott kennt mich, nennt mich beim Namen.“

Vierzig Tage liegen zwischen Aschermittwoch und dem Beginn der vorösterlichen Karwoche. Eine Zeit, die dazu einlädt, nach dem Wesentlichen im Leben zu fragen. Dafür braucht es nicht einen Wüstenaufenthalt. Andreas Knapp bekennt am Ende seiner Aufzeichnungen, dass er die schönen und harten Seiten der Wüste auch zuhause entdeckt: das morgendliche Singen der Vögel zwischen den Plattenbauten und das traurige Gesicht der einsamen Nachbarin. Er will sich im Alltagsbetrieb täglich wenigstens 15 Minuten Zeit nehmen, um einfach gegenwärtig zu sein: „Ich bleibe stehen, rieche, lausche, atme bewusst einmal durch. In solchen geschenkten Augenblicken kann ich meinen Alltag als den Ort erfahren, an dem Gott auf mich wartet.“

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Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 09. Februar 2016 um 09:17 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Zukunftsgespräch 2015/16 abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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