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daniela engelhard

Jeder Tag ein neues Leben

Freitag, 15. Januar 2016 von daniela engelhard
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„Befreien Sie sich von der Illusion, durch neue Zeitspartechniken Ihr Zeitproblem zu überwinden. Dem Hamsterrad kann man nicht entkommen, man kann sich nur häuslich darin einrichten.“ Das ist ein Tipp von Hartmut Rosa zum Umgang mit Zeitnot. Und meine eigene Erfahrung sagt mir: Der Soziologe hat ziemlich Recht. Rosa reflektiert seit Jahren die Ursachen und Konsequenzen der Beschleunigungsdynamik. Hauptursache ist für ihn eine Gesellschaft, die auf Wachstum, Innovationsverdichtung und permanente Steigerung setzt mit den entsprechenden Folgen für unser Leben. Auch das viel beschworene „Zeitmanagement“ löst seiner Ansicht nach nicht das Zeitproblem. Wir haben zwar unser Arbeitstempo erhöht durch Mails, schnellere Internetverbindungen, schnellere Verkehrswege … Die Zeitersparnis ist jedoch längst überholt worden etwa durch mehr Kommunikation und Vernetzung. Nur die Zeit lässt sich nicht vermehren. Knapper werdende Zeit, größer werdende Sehnsucht nach Zeitwohlstand – zwei Seiten einer Medaille.

Gerade verabschiedete sich eine Kollegin ins Wochenende mit den Worten: „Mal wieder mit der Arbeit nicht fertig geworden. Mal wieder hat die Zeit nicht gereicht!“ Ja, das geht mir auch oft so. Trotzdem: „Ontologisieren Sie Ihr Leiden nicht.“ So ein weiterer Tipp von Hartmut Rosa. Und: „Steigen Sie nicht als schuldiges Subjekt ins Bett!“ Damit will er wohl vor falschen Schuldgefühlen am Abend warnen, die ja viele kennen: „Dies und das hättest du auch noch tun müssen.“

Von der Philosophin und heiliggesprochenen Ordensfrau Edith Stein stammt ein Wort, das mir sehr wichtig geworden ist:

„Wenn die Nacht kommt und der Rückblick zeigt, dass alles Stückwerk war und vieles ungetan geblieben ist … dann alles nehmen, wie es ist, es in Gottes Hände legen und ihm überlassen. So wird man in ihm ruhen können, wirklich ruhen, und den neuen Tag wie ein neues Leben beginnen.“

Den neuen Tag erwarten wie ein neues Leben. In Anlehnung an Edith Stein kann ich Zeit neu sehen: Jeder Tag ist ein neuer Anfang, eröffnet neue Zeit, als ob ein neues Leben geschenkt würde. Zeit lässt sich so nicht nur von ihrer Befristung her verstehen, sondern vom Anfang her: Zeit ist ein Geschenk Gottes, das sich in jedem Augenblick erneuert. Begrenzte Zeit wird so zur geschenkten Zeit.

Von der Vorstellung, die Zeit ließe sich in den Griff bekommen, gilt es wohl Abschied zu nehmen. Aber das neue Jahr ist neu eröffnete Zeit „wie ein neues Leben“. Das ist für mich wahrer Zeitwohlstand!

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Dieser Beitrag wurde am Freitag, 15. Januar 2016 um 13:17 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Zukunftsgespräch 2015/16 abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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