Günter, eine treue Seele unserer Gemeinde, bescherte mir mein Weihnachtserlebnis 2011.
Günter, Ernst, Yves und Sebastian sind unsere „Jungs“, die Jahr für Jahr den Weihnachtsbaum und die Krippe in unserer Kirche aufbauen. So auch dieses Jahr und soweit auch nicht ungewöhnlich.
Kurz vor der Christmette nahm mich Ernst beiseite: „Sieh dir mal die Spitze des Weihnachtsbaumes an“ flüsterte er mir zu und zwinkerte. Während der Messe probierte ich, aus dem Seitenschiff rüber zu schielen, konnte aber im Halbdunkeln nichts erkennen. Was haben die Jungs nun wieder ausgeheckt? (Ähm, der Älteste der „Jungs“ ist 70, aber sie alle haben den Schalk im Nacken.) Nach der Christmette verlor ich im Trubel vom Krippensingen, Kinder und Freunde in die Arme nehmen und Weihnachtswünsche austauschen den Gedanken aus dem Kopf; erst abends im Bett: da war ja noch was.
Am nächsten Morgen nach dem Hochamt schlich ich mich in den Altarraum und war sprachlos. Meine Tochter kam hinzu und schließlich unser derzeitiger „Vertretungs“-Pfarrer und sie strahlten mit mir um die Wette, so ungewöhnlich und so schön sah die Baumspitze aus, die im großen Bogen gen Himmel zeigte. Meine Tochter flüsterte leise: „Nicht immer führt der Weg gerade nach oben.“ Besser als diese Baumspitze kann man das Leben nicht zeigen.
Danke Günter, dass Du diese Spitze nicht abgeschnitten hast.
„Zwischen den Jahren“ – eine eigene Zeit. Zwischen-Zeit! Ein turbulentes Jahr geht für mich dem Ende zu. Viele Begegnungen zu Weihnachten: Schwerkranke, Sterbende, Trauernde, Wohnungslose, Suchende, Ängstliche, Eilige, vom Weihnachtsmarkt und Geschenkekauf Berauschte, aber auch viele voller Vorfreude, Gelassenheit, Dankbarkeit für das Jahr…
Das neue Jahr kommt mit vielen Terminen auf mich zu. Zwischen den Jahren wird der Kalender gewechselt. Er füllt sich bald mit vielen vorgemerkten Begegnungen und Ereignissen, die schon vor mein Auge treten. Momente der Rückbesinnung, des Verweilens und der Vorschau in diesem „Zwischen“ der Jahre.
Eine eigene Stimmung haben diese Tage, aber auch eine typische. Denn immer lebe ich auch in diesem „Zwischen“: noch nicht ganz weg vom Letzten, noch nicht ganz da beim Nächsten. Dabei kann einem das „Jetzt“ leicht verloren gehen, das Auskosten der Zeit, die nicht im „Zwischen“ zerrieben werden darf.
Zwischen den Jahren wünsche ich allen, dass sie im Neuen Jahr nicht nur „dazwischen“ geraten, sondern den Augenblick leben als Zeit unter dem Augen-Blick Gottes, der da ist in unserer Zeit und Welt – und, wie tröstlich, auch im „Dazwischen“. Gott sei Dank!
“Vergesslicher Engel” von Paul Klee
“Ich verkünde euch eine große Freude” Lukas 2,10.
Diesem Engel von Paul Klee traut man zunächst nicht zu, eine frohe Botschaft zu verkünden. Warum vergesslicher Engel? Was hat er vergessen? Will er etwas vergessen? Er mag nicht ganz hinein passen, in diese schöne Zeit voll Lichterglanz, Jubel und Frohlocken. Doch gerade an Weihnachten werden bei vielen Menschen Sorgen und Ängste laut. So manch eine Familie bemüht sich um Harmonie. Die Erwartungen sind hoch, doch vieles will einfach nicht gelingen und endet im Streit. Manch einer denkt in dieser Zeit an einen verstorbenen Menschen, der das vergangene Weihnachtsfest noch mitgfeiert hat. Auch Sorgen wie Arbeitslosigkeit, Krankheit, Einsamkeit… können an Weihnachten besonders spürbar werden.
Jesus ist damals aber nicht in eine perfekte Welt hinein geboren. Maria und Josef hatten eine beschwerliche Reise hinter sich. Die Herbergssuche und die Geburt im Stall ließ sie bestimmt fast verzweifeln und mit der anschließenden Flucht ging die Anstrengung weiter. Sorgen und Nöte erledigen sich nicht an Weihnachten. Damals nicht und heute nicht.
Aber Weihnachten kann etwas in uns auslösen - wir können uns berühren lassen von der frohen Botschaft, von Gott, der seinen Sohn in die Welt gesandt hat. Mit der Menschwerdung Gottes entsteht eine Hoffnung. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Jesus Christus uns zu jeder Zeit nahe ist und uns begleitet. Sieht man sich nun den Engel etwas genauer an, kann man entdecken, dass er lächelt. Er trägt das Geheimnis der Weihnachtsbotschaft in sich. Und damit wird er glaubwürdig und kann uns ganz leise anstecken, mit seiner Botschaft:
“Ich verkünde euch eine große Freude” Lukas 2,10
Die Weihnachtsbäume sind da! Ja, sie kamen heute Morgen mit Dirk und der ersten Fähre. Freu, freu, freu! Aber jetzt musste es schnell gehen, denn sind die Weihnachtsbäume erst einmal ausverkauft sind, dann wird es schwer noch einen zu „bekommen“ (wo ist meine Axt?) auf der Insel. Da stand ich dann vor den Bäumchen und mir fiel auf, dass es noch etwas Schwereres gibt als Schuhe kaufen: Weihnachtsbäume. Die sehen doch irgednwie alle so gleich aus. Okay, grün bleibt grün und ein Meter fünfundsiebzig bleibt ein Meter fünfundsiebzig. Augen zu halten, auf einen zeigen und schwups hat die Frau Teerling einen Weihnachtsbaum.
Geschafft.
Weihnachen naht. Nicht nur am alljährlichen Weihnachtsbaumkauf merke ich es, nein, die Anrufe von Freunden häufen sich, die sich für Weihnachten anmelden. Kommen die ersten Anrufe, bedeutet das auch, dass ich wie immer merke, dass unser Frauenkreis sich mal rasch Gedanken machen sollte, wie wir die Christmette gestalten wollen. Unsere Christmette ist für viele ungewöhnlicherweise um 17 Uhr. Unsere kleine Diaspora-Gemeinde besteht fast nur aus Familien. Die meisten aber leben in – Achtung, jetzt kommt ein Lieblingswort von mir – Konfessionellen Misch-Familien. Ich zum Beispiel komme aus so einer. Mein ist Vater evangelisch-reformiert und meine Mutter katholisch.
Damit am Heiligen Abend nicht ein neuer dreißig Jähriger Krieg ausgerufen wird und um sich gegenseitig zu entlasten, hat die Ökumene die Gottesdienste abgestimmt. Für die ganz Kleinen ist die Lutherische Kirche zuständig, wir die Katholiken bieten zusammen mit den Reformierten die 17-Uhr-Familien-Christmette an und um 23 Uhr ist dann für alle, die mögen, plattdeutsche Andacht in der Reformierten Gemeinde – der wunderschöne Abschluss eines harmonischen Abends.
Weihnachten auf der Insel? Das ist gelebte Ökumene.
Oje, ich habe einen Kulturschock.
Wissen Sie, wir haben auf Borkum keinen richtigen Weihnachtsmarkt. So richtig, meine ich, mit Buden, gebrannten Mandeln usw. Da kam mir in Anbetracht der Tatsache, dass ich bis jetzt noch null Adventsstimmung habe (meine innere Uhr sagt mir, es ist noch Anfang November), die Idee: ich fahre mal wieder aufs Festland, Freundin Maren besuchen, Weihnachtseinkäufe erledigen, über einen Weihnachtsmarkt bummeln – dann kommt dieses gewisse Gefühl schon von alleine.
Welch ein fataler Irrtum!
Ich steige aus dem Zug und bäääng schlägt mir die Weihnachtsatmosphäre ins Gesicht.
Wie der Fuchs vor der Schlange bleibe ich hypnotisiert stehen – totale Reizüberflutung oder um es wie Nina Hagen zu sagen: “Alles so bunt hier”. Maren lacht sich kaputt und lotst mich sicher durch den Trubel ins nächste Kaufhaus „Und Du hast acht Jahre in Hamburg gewohnt?“ fragt sie. „Ja, aber damals waren die Farben anders!“ – „Lass mich raten, schwarzweiß und die Frauen trugen Petticoats.“ – „Nein, Reifröcke und Korsagen.“ Maren ist etwas jünger als ich.
Nach dem dritten Kaufhaus in dem “Rudy the rednosed reindeer” so laut im HINTERGRUND lief, dass ich heiser vom Brüllen wurde, wurde ich agressiv: wie wohl Rudy in der Wurst schmecken würde?
Also ging es auf dem Weihnachtsmarkt. Die Reizüberflutung hörte nicht mehr auf. Zwischen Glühwein und Eiergrog fragte ich mich, wie man zwischen den ganzen Weihnachtslärm überhaupt noch Weihnachten hört? Zwischen den ganzen Blitzen und dem Giltzern noch die leere Krippe sieht?
Was bin ich froh, dass ich auf meiner Insel wohne, wo genau das nicht verloren geht, wo wir eine Adventszeit haben, die nicht vom Weihnachtsgebrüll verdrängt wird. Wo es auch mal Stille gibt, und Zeit zum Innehalten. Wo ich noch einige Tage Zeit habe, von alleine in Weihnachtsstimmung zu kommen.
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