Ja, da war es also, das Wiedersehen nach zehn Jahren.
Im Studium in Hamburg habe ich ihn kennengelernt. Wir beide gingen in unserem Fachgebiet auf, fanden Sprache, Begriff und Bedeutung, Wissen und Wissen managen faszinierend. Und nicht nur in der Forschung verstanden wir uns gut. Doch er ging nach Süddeutschland und ich blieb in Hamburg. Irgendwann probierten wir es mit einer Fernbeziehung, aber ich erkannte meine Grenzen und so schlief der Kontakt ein.
Bis ich dieses Jahr auf Facebook auftauchte. Plötzlich hatten wir wieder Kontakt, unverbindlich und leicht.
Als er nun in den Norden kam, war klar, dass wir uns treffen und ich fuhr hin. Ganz ehrlich: ich war aufgeregter, als es mir lieb war. Immerhin lebten wir nun in völlig verschiedenen Realitäten. Was, wenn wir uns nichts mehr zu sagen hätten? Aber nach der ersten Umarmung waren die zehn Jahre verschwunden.
Unser Leben ist in der Zeit ganz schön ins Rollen gekommen. Während meins leicht chaotisch wie ein aus der Kontrolle geratender Flummi durch die Gegend hüfte, ist seins zu einem immer schneller drehenden Hamsterrad der Arbeit geworden. Bis wir beide, spannender Weise fast zeitgleich, mit Vollbremsung zum Stillstand kamen. Es hört sich sehr theatralisch an, aber wir haben uns in einer Zeit der Neuorientierung wiedergesehen. Um Hannes Wader zu zitieren: „Was gestern noch galt, gilt heut oder morgen nicht mehr“. Nach einem herrlichen Tag trennten sich unsere Wege wieder. Ich fuhr zurück auf meine Insel, er zurück in den Süden. Mag sein, dass es wieder zehn Jahre dauern wird, bis wir uns wiedersehen, aber jetzt weiß ich: zehn Jahre oder tausend Kilometer können Menschen, die sich wichtig sind, nicht trennen.
Der letzte Winter war lang und kalt. Ich weiß: das ist für niemand etwas Neues. Aber empirisch belegt wird es durch mein „soziales Umfeld“, denn ich habe (das vermutlich rein subjektive) Empfinden, alle sind schwanger und dazu noch “kurz vor fertig”.
Ich gehöre zu den Menschen, für die das Glas immer halb voll statt halb leer ist, oder wie ich lieber zu sagen pflege: für mich ist immer (kurz vor) Ostern. Darum freue ich mich immer „as een Kluntje im Tee“ (übersetzt: Wie ein Stück Zucker in einem gewürzten Heißgetränk), wenn ich den Satz höre: „Du, Jodi, wir möchten Dir etwas mitteilen…“
Jedes Kind ist für mich ein Zeichen des Lebens. So lange unser Herr noch eine Seele in diese Welt sendet, ist das Glas halb voll oder kurz vor Ostern (okay, in diesem Fall eher kurz vor Weihnachten).
„Tststs, heute noch Kinder kriegen, wo nichts mehr sicher ist…“. Ich kann diesen Satz nicht mehr hören, konnte ich noch nie. Da werde ich „typisch christlich“, denn eins ist immer sicher: die Liebe unseres Herrn für jedes Kind.
Meine Freunde Butze und Ronny sind unterwegs, ihr Kind zu bekommen. Unterwegs ist wörtlich zu nehmen, denn auf Borkum kann man vieles bekommen, nur keine Kinder. Das Risiko ist zu groß, dass bei Komplikationen Hilfe nicht schnell genug erreichbar ist. Aus diesem Grund fahren sie grad aufs Festland. Es ziept noch lange nichts, aber wenn es los geht, dauert die Fahrt sonst zu lange.
Letztes Jahr ist ein Kind auf dem Rettungskreuzer mitten auf der Nordsee geboren worden. Der Knirps hat jetzt „Berlin“ in der Geburtsurkunde stehen und das könnte bei Ostfriesen zu Identitätskrisen führen. Sie werden dort warten und wir hier. Manche Zeichen könnten schneller kommen.
Die Eurokrise in Südeuropa hat inzwischen so viel religiöse Aufladung erfahren, dass es mich doch juckt, hierzu etwas zu schreiben.
Zunächst ist es ja beinahe eine apokalyptische Sprache, wenn vom Zusammenbruch des Euroraums, einer Weltwirtschaftskrise oder dem Auseinanderbrechen Europas die Rede ist.
Deshalb wird ein Rettungs(!)schirm gespannt, bei dem die Zahlendimension eher aus der Kosmologie bekannt ist.
Den Griechen (und bald wohl auch den Italienern und Portugiesen) wird klargemacht, dass das Heil(!) im Euro liegt. Dementsprechend brennt auch die Hecke in diesen Ländern, aber das ist in apokalyptischen Situationen nun mal so. Opfer(!) müssen jetzt gebracht werden.
Richten(!) muss das in so einer Situation schon ein Heiland. In Griechenland ist es Papademos (übersetzt soviel wie: Volksvater) und in Italien Super Mario (Monti). Die Namen passen doch ganz gut ins Programm!
Noch werden diese Personen mit Palmwedeln erwartet. Aber was sie in diesen Ländern „richten“ müssen, hat wenig mit guten Nachrichten (Evangelium) zu tun. Ich will auch nicht in ihrer Haut stecken. Der Weg vom Palmwedel zum Kreuz ist bekanntlich kurz.
Da ich keine Ahnung von Wirtschaftswissenschaften habe, will ich über die Richtigkeit der Maßnahmen, um die es hier geht, nicht urteilen. Aber zweierlei fällt mir auf:
Zum einen sind religiöse Sprache und Bilder in dieser säkularen Welt und Situation erstaunlich stark am Werk.
Zum anderen scheint es auch hier viel um Glauben zu gehen (im doppelten Sinne von nicht genau wissen und sich auf etwas verlassen/einlassen).
Ich bin froh, dass ich einem anderen Glauben angehöre und meine Hoffnung keine ökonomische ist. Vielleicht täte den Entscheidern in der Eurokrise eine Prise prophetische Religionskritik gut, wie sie z.B. bei Amos oder Hosea aufscheint.
Denen ging es um Gerechtigkeit, statt um Opfer.
Und wieder zuhause, lange war ich unterwegs. Zum Schluss merkte ich: so langsam wäre doch MEIN Bett (ohne Hunde, Ameisen und fremde Mitschläfer) ganz nett (okay, ich gestehe: hätten Sie mir ein sofortiges Flugticket nach Fuerte unter die Nase gehalten, wäre ich ins Grübeln gekommen).
Nun bin ich wieder hier und stelle mit Verwunderung fest, dass sich nichts und doch vieles geändert hat. Meine Lieblingsdüne steht, oh wunder, immer noch am Meer und mein Kirschbaum vor unserem Haus. Nur hatte die Kirsche noch Blätter als ich gefahren bin.
Der Jahreszeitenwechsel war sonst immer ein schleichender Prozess für mich. Irgendwann trägt man wieder Sandalen an den nackten Füßen, aus den Sandalen werden Schuhe und die Hosenbeine werden immer länger und irgendwann ist Advent.
Dieses Mal bin ich gefahren, trug Shorts und FlipFlops. Und komme dick eingemummelt wieder. Plötzlich ist Herbst, ja, fast Winter. Die Gäste haben die Insel verlassen, die Fähren fahren nur noch zweimal am Tag (hallo Alcatraz) und nach 21 Uhr darf man wieder Auto fahren (im Sommer herrscht in der Nacht ein striktes Fahrverbot).
Nirgends sonst habe ich so sehr den Jahreszeitenwechsel bemerkt wie hier.
Wie eine Decke legt sich die Stille über die Insel, die mit der Kälte kommt. Das ist schon sehr merkwürdig und man muss diese Einsamkeit mögen. Aber wissen sie was? Während ich hier so am Meer sitze und in meine kalten Finger puste? Ich liebe es. Schrieb sie, zog den Schal fester um den Hals und ging zu ihren Eltern, um in der warmen Stube erstmal einen Tee zu trinken und die Seele zu wärmen.

Direkt neben unserer Kindertagesstätte befindet sich der Pfarrgarten. Dort hat der Pastor einen Hühnerstall, der den Kindern viele Anlässe zu unterschiedlichen Beobachtungen bietet.
Neulich machten sie sich Gedanken, in welcher Sprache sich die Hühner wohl unterhalten. In unserer Einrichtung sprechen die Kinder über zehn verschiedene Sprachen und es sind nicht wenige, die Deutsch als Zweitsprache bei uns lernen.
“Welche Sprache sprechen eigentlich Hühner?” diese Frage hat eine richtige Diskussion ausgelöst. Mathis meinte, sie haben vielleicht ihre eigene Sprache. Amelie war der Überzeugung, dass sie Deutsch sprechen, denn schließlich kommt der Pastor jeden Morgen und begrüßt die Hühner vielleicht mit den Worten: “Kommt her, ich bringe euch Futter, habt ihr schon ein Ei gelegt?” Daraufhin stellte sich Arthur ganz nah an den Zaun und begann unermüdlich und und mit lauter Stimme auf russisch mit den Hühnern zu reden. Ob die Hühner ihn verstehen konnten? Die Kinder zeigen immer wieder, dass man sich verstehen kann, ohne die jeweilige andere Sprache zu sprechen.
Diese Begebenheit muss ich mir unbedingt merken, wenn wir im nächsten Jahr mit den Kindern die Pfingstbotschaft erarbeiten: “…und sie begannen zu predigen, jeder in einer anderen Sprache. Das sprach sich schnell herum und viele Leute hörten die Jünger sprechen…”
Ökumene ADiA Advent Ausland Auslandsjahr Beten Bischof Bundespräsident christliches Menschenbild Dialog Familie Ferien Freude Frieden Fußball Gerechtigkeit Glaube Gott Himmel Hoffnung Honduras Indien Integration Katechese Kind Kinder Kirche Kolkata Leben Liebe Madrid Ministranten Mirga Neujahr Papst Reise Religion Rom Schöpfung Tod Urlaub Weihnachten Weltjugendtag Weltwärts WJT
WP Cumulus Flash tag cloud by Roy Tanck and Luke Morton requires Flash Player 9 or better.