Bereits mein zweites Kind ist tief versunken in die Harry Potter Welt. Jede freie Minute hört oder liest meine Tochter die Geschichte des Kindes, das als wehrloser Säugling zum Verheißungsträger seiner Welt wurde und wie es mit ihm weiterging.
Aber je mehr ich mich mit dieser Geschichte befasse, umso gelassener werde ich. Eigentlich kann es ja kaum eine bessere Lektüre zur Adventszeit geben. Die Parallelen zur Jesusgeschichte sind doch enorm.
Neben der schon erwähnten Grundverheißung finde ich z.B. interessant, wen Harry im Laufe seines Lebens als Freunde um sich versammelt.
Ron und seine Geschwister aus der kinderreichen, aber armen Familie.
Hermine, deren Eltern beide „Muggel“ (also Menschen ohne magische Fähigkeiten) sind.
Hagrid, der etwas einfältige, aber liebenswürdige Halbriese.
Neville, der traumatisierte Außenseiter mit den gefolterten Eltern im Sanatorium.
Luna, die etwas weltfremde Träumerin, Sirius, der Flüchtling, Lupin, der Werwolf und so weiter und so fort.
Das ist eine Ansammlung von Antihelden, die mich an das Sammelsurium der Apostel erinnert.
Und zwei Botschaften dieser modernen Weihnachtsgeschichte finde ich noch besonders interessant.
Harry arbeitet sich in der Erzählung lange daran ab, welche Identität er hat und was dabei der entscheidende Faktor ist. Sein großväterlicher Mentor Dumbledore prägt in einem ihrer Gespräche den entscheidenden Satz: „Es sind nicht unsere Fähigkeiten, die uns zu dem machen, was wir sind, sondern unsere Entscheidungen.“
Ein Satz, der auch von Jesus hätte stammen können.
Und schließlich der Schluss, an dem Harry klar wird, dass nur das Selbstopfer, das Setzen auf die Ohnmacht die Seinen retten kann, sein Tod und seine Rückkehr zur letztendlichen Überwindung des Bösen.
Harry Potter spannt den ganzen Bogen von Weihnachten bis Ostern in einer spannenden, gut unterhaltenden Story, die in meinen Augen sogar pädagogisch und politisch einiges zu bieten hat. Was wollen wir als Christen denn mehr?
Also lasst sie doch lesen, hören und sehen.
Ökumene Advent Ausland Auslandsjahr Beten Bischof Bischofssynode Bundespräsident christliches Menschenbild Dialog Familie Freude Frieden Gerechtigkeit Glaube Gott Heiliger Stuhl Hoffnung Indien Integration Katechese Katholikentag Kind Kinder Kirche Leben Liebe Madrid Ministranten Mirga osnamun Papst Reise Religion Rom Schöpfung Tod Urlaub Vatikan Weihnachten Weltjugendtag Weltkirche Weltwärts WG+ WJT
WP Cumulus Flash tag cloud by Roy Tanck and Luke Morton requires Flash Player 9 or better.
Was wollen wir Christen mehr?
Die Frage läßt sich einfach beantworten.
Wir sind nicht von einem Zauberlehrling erlöst sondern vom Sohn des lebendigen Gottes.
Harry Potter auch nur annähernd mit Jesus Christus gleichsetzen zu wollen oder in den Romanzyklus gar so etwas wie eine quasichristliche Botschaft hineininterpretieren zu wollen, überstrapaziert die Story doch gewaltig.
Das Handeln Gottes an den Menschen, angefangen vom Alten Bund über die Erlösung durch Jesus Christus bis zur Hinwendung Gottes zu den Menschen in der Verkündigung und Sakramenten der Kirche in unseren, ist doch etwas mehr als eine gut erzählte Story. Es ist unsere Wirklichkeit.
Einen literarischen Zauberlehrling brauche ich dazu nicht, und unseren Kindern müssen wir nicht einreden, in diesen Büchern sei mehr enthalten als eine spannende, gut erzählte Geschichte.
Zu den geprägten Zeiten haben wir Christen unsere eigenen Geschichten und Traditionen, die uns und unseren Kindern das Handeln Gottes wahrhaft und authentisch zeigen.
Wir hätten uns doch in unserer Kindheit Winnetou oder Pippi Langstrumpf oder wen auch immer an Jugendbuchhelden auch nicht als Messiasersatz verkaufen lassen.
Comment: Cicero – 08. Dezember 2010 @ 12:19
Dem Kommentar von Cicero kann ich mich uneingeschränkt anschließen.
Eine Ergänzung noch zu den Sätzen “‘„Es sind nicht unsere Fähigkeiten, die uns zu dem machen, was wir sind, sondern unsere Entscheidungen.’ -Ein Satz, der auch von Jesus hätte stammen können.” Ja und nein. Natürlich sind unsere Entscheidungen wesentlich für unser moralisches Handeln. Aber sie sind etwas Sekundäres. Was uns “zu dem macht, was wir sind”, das ist das uns Geschenkte, das uns Vorgegebene: die Liebe Gottes, unser Kindschaftsverhältnis zu Ihm.
Erst daraus erwachsen dann auch die Möglichkeiten zu guten Entscheidungen. Aber die sind immer nur Antwort, nicht Voraussetzung.
Und was Harry Potter angeht: Ich halte nichts von den Dämonisierungen dieser Bücher, die in manchen Kreisen vorgenommen werden, allen voran von Gabriele Kuby. Aber eine Überinterpretation und christliche Vereinnahmung halte ich für genauso unsinnig.
Comment: Biggi – 08. Dezember 2010 @ 12:34
Harry Potter als Parallele zu der Jesusgeschichte? Hm … da schließe ich mich den Kommentaren von Cicero und Biggi uneingeschränkt an.
Und ich frage: Wer erzählt den jungen Leserinnen und Lesern eigentlich die Geschichte von Jesus? Ich meine, nur damit sie die Parallele zu Harry Potter erkennen können.
(Diese Ironie sei in einem Bistumsblog erlaubt).
Comment: Ingrid – 08. Dezember 2010 @ 13:41
Lieber Cicero und Gefährtinnen, aber WENN sie es denn nun lesen, die Kinder? Nein – Harry Potter ist keine christliche Romanfigur, aber die Geschichte um den »dunklen Lord« ist die Entfaltung eines nahezu endzeitlichen Kampfes mit den Mitteln des Kinder- und Jugendbuchs.
Ob J. K. Rowling wirklich an Jesus Christus und das Heilsgeschehen gedacht hat, als sie Harry Potter schrieb? Mir scheint das zweifelhaft; fest steht für mich aber, daß in den Büchern mehr an Psychologie, Philiosophie – und Theologie enthalten ist, als es der erste Anschein ahnen läßt.
Die folgenden Aspekte der Geschichte des Zauberlehrlings scheinen mir für ein katechetisches Gespräch ergiebig:
Die Frage nach der »Erwählung«. Harry Potter ist ohne eigenes Dazutun gekennzeichnet, den Kampf gegen den Bösen aufzunehmen.
Die Frage nach der höchsten Form der »Magie«. Albus Dumbledore beschreibt im ersten Band »Harry und der Stein der Weisen« Musik überraschenderweise als die höchste Form der Zauberei. Die höchste Form der »Magie« ist jedoch die selbstaufopfernde Liebe, deren Schutz Harry erfährt, da seine Mutter sich für ihn in den Tod begeben hat … und in deren Kraft Harry am Ende den Mut besitzt, bewußt in den sicheren Tod zu gehen.
Die Frage nach der Entwicklung. Mich faszinierte beim Lesen die Entwicklung und seelische Reifung des Freundespaars Harry und Ron.
Einen Schlüssel für diese Fragen hat mir der Podcast des holländischen Priesters Fr. Roderick Vonhögen gegeben. Ich bin heute davon überzeugt, daß Katechese bei dem Themen ansetzen sollte, die Jugendliche bewegen; und die Harry-Potter-Romane haben definitiv viele Jugendliche interessiert.
Natürlich sehe ich auch Bedenkliches bei Harry Potter. Auch wenn Magie nur als perfekt eingesetztes Motiv dient, um eine phantastische Geschichte in einem sogenannten »Polder«, einer erzählerischen Parallelwirklichkeit einzusetzen, kann die Gefahr bestehen, daß Kinder und Jugendliche allzu fasziniert von der Möglichkeit sind, Wirklichkeit durch magische Rituale zu manipulieren. Es schwimmen zur Zeit zu viele Rattenfänger auf dieser Welle, als daß ich eine Zauberergeschichte unbefangen als Unterhaltung konsumieren wollte.
Im vorletzten und letzten Band taucht zudem ein unterschätztes ethisches Problem auf. Severus Snape tötet ohnehin an den Folgen einer »magischen Verletzung« sterbenden Albus Dumbledore, um den Schein zu wahren, er sei auf der Seite des Bösen. Die Frage, ob eine solche Form von Euthanasie gerechtfertigt ist, wird im Roman jedoch nicht erst gestellt. Sie ist heute aber besonders dringlich.
Zudem erscheint mir das bürgerliche Idyll des Romanschlusses fast kläglich angesichts des vorher gemalten Krisen- und Kriegsszenarios.
Fazit: Es scheint J. K. Rowling gelungen zu sein, eine große Bühne mit Figuren zu besetzen. Für mich ist es traurig, daß eine säkulare Autorin den großen Schreibern der Inklings, Tolkien, Lewis und anderen die Feder aus der Hand genommen hat. Ich wünschte mir eine aus dem Glauben heraus entstehende christliche Jugendliteratur. Solange wir sie noch nicht haben, sollten wir vielleicht dankbar dafür sein, daß uns die »weltliche« Literatur noch so viele Ansatzpunkte gibt, mit ihr ins Gespräch zu kommen.
Comment: Peter Esser – 08. Dezember 2010 @ 15:12
Schön, dass es hier zur Debatte kommt.
Vielleicht einige Klarstellungen meinerseits noch:
Natürlich ersetzt ein Romanzyklus nicht das Evangelium und selbstverständlich gehören in den geprägten Zeiten die “Originale” auf die Tagesordnung familiärer Erziehung und Prägung. Allerdings wählen die Kinder auch ihre eigenen Werke, die ihre Kindheit begleiten.
Und hier meine ich, ist es ein gutes Zeichen für die Lebendigkeit unserer Erzählungen von der Rettung durch Gott, dass sie in populärer Literatur zitiert werden.
Ob J.K. Rowling das so beabsichtigt hat, weiß ich nicht. Das ist aber eigentlich auch egal, weil die Bedeutung eines Textes beim Leser entsteht.
Was die Maßstäbe und die Ethik angeht, die bei Harry Potter transportiert werden, so entdecke ich viel Verwandtes.
Der Maßstab des “dunklen Lords” ist die Macht. (Im ersten Band schön dargestellt im Finale: Es gibt nicht Gut und Böse, sondern nur die Macht. Vielleicht ein Zitat Nietzsches?)
Der Maßstab bei Harry ist die Liebe, Nächstenliebe, sogar Feindesliebe. (z.B. rettet er unter Einsatz seines Lebens seinem Erzrivalen Drako das Leben).
Das kommt mir irgendwie bekannt vor
Comment: bruno – 09. Dezember 2010 @ 08:34
Danke für das feine Plädoyer für Harry Potter. Ich bin schon lange ein richtiger Fan, besonders die Bücher haben es mir angetan, die Filme sind nicht schlecht, aber ich liebe die vielen Details, die nur im Buch wirklich rüberkommen.
Theologisch interessant finde ich, besonders im 7. Band, auch (ergänzend zu den oben genannten Aspekten) den Umgang mit Tod und Auferstehung. Ja, klar da steckt keine orginär christliche Botschaft im engeren Sinne drin, das ist wohl auch nicht Absicht der Autorin, wohl aber die Botschaft, dass wir nicht alles selbst machen können, vieles Geschenk ist, Gnade. Eine Message, die ich heute für wirklich entscheidend halte!
Ich sehe in Harry Potter eine wunderbare Möglichkeit daran mit theologischen Fragen anzuknüpfen, Antwortversuche zu formulieren, zum Nachdenken anzuregen. Im übrigen täte mich (@peter esser) interessieren, was “eine aus dem Glauben heraus entstehende christliche Jugendliteratur” eigentlich genau sein soll? Spannender ist es allemal, gerade für Jugendliche, die christlichen Motive in der profanen Literatur zu entdecken!
Comment: Andrea Mayer-Edoloeyi – 09. Dezember 2010 @ 17:22
Danke für den lesenswerten Denkanstoß!
Comment: Hanne – 09. Dezember 2010 @ 18:00