Kürzlich habe ich ein sehr interessantes Buch entdeckt, welches wieder einmal zeigt, dass Kinder gute Philosophen sein können: “Ist 7 viel?” von Antje Damm enthält jede Menge Fragen, bei deren Beantwortung Erwachsene schon manchmal ins Nachdenken kommen. Unbekümmert und mit großer Leichitgkeit teilen uns Kinder ihre Antworten dazu mit.
Auf die Frage: “Hinterlässt jeder Spuren?” haben sich in unserer Kita interessante Gespräche ergeben:
Eine einfache Frage bringt uns dazu, mit den Kindern über den Glauben nachzudenken. Dieses Buch ist hervorragend für die religionspädagogische Arbeit geeignet, obwohl es bei den Fragen zunächst nicht um den Glauben geht. Es kann eine schöne Einladung sein, die Kinder (oder sich selbst) an die großen Themen des Lebens heranzuführen oder sich mit dem eigenen Gottesbild auseinanderzusetzten.
Viel Spaß beim entdecken!
Ein Basar mit zwölf Millionen Menschen. Mit diesem Eindruck komme ich aus Istanbul zurück. Ein Gewimmel von Autos und Passanten, von super modisch bis streng traditionell gekleidet. Viele Kinder, Wasserpfeife rauchende Männer und ächzende Lastenträger. Feilschende Händler, klönende Frauen… Und überall die gewaltigen Moscheen mit den Minaretten, die wie Zeigefinger in den Himmel ragen, als Orte ständigen Gebets. Hier und da auch eine der wenigen Kirchen der christlichen Konfessionen, die eher ein Schattendasein führen. Hier Stadtteile mit moderner Architektur, dort Wälder von Hochhäusern – und eben die Altstadt, die von bewegter Geschichte zeugt. Das alles verteilt auf Europa und Asien, verbunden durch Brücken. Und das alles bei grauem Himmel und Regen, eine ganze Woche lang.
Jemand hat einmal in einer großen Zeitung geschrieben: „Europa und die Türkei tun sich schwer miteinander. Sie teilen vieles und haben doch so wenig gemeinsam. Das ist aber auch ein großes Glück. Denn sonst gäbe es eine Stadt wie Istanbul nicht.“ Und weiter heißt es da: „Lächelt Istanbul seine Besucher an, oder lacht es sie aus? Vielleicht reicht ein Leben nicht, um aus dieser stolzen, schönen, spröden Stadt schlau zu werden“ (Jakob Strobel y Serra, in: FAZ vom 28. Februar 2008, S. R1).
Unabhängig von allen Diskussionen um Integration in unserem Land ist es gut, den Islam in dieser bunten Stadt zwischen Tradition und Moderne, zwischen Ost und West kennenzulernen; Menschen mit ihrem Alltag und ihrem Gebet, ihren Koranbetrachtungen und ihrem Spiel mit der Perlenschnur. Ebenso gut ist es, dem ökumenischen Patriarchen zu begegnen, der für eine verschwindende Minderheit in der Türkei und doch für eine riesige Zahl orthodoxer Christen über Ländergrenzen hinweg steht. Er ist freundlich, bescheiden, klug, geprägt von einer ständigen Aufmerksamkeit für die Gegebenheiten um ihn herum.
„Jeder sei in Istanbul ein Fremder, hat Orhan Pamuk geschrieben, der nirgendwo anders leben kann als in seiner Stadt, die sich auch selbst immer fremd geblieben ist und ihre Widersprüche nie zu einer Legierung verschmolzen hat.“ (zitiert nach s.o.) Solche „unlegierte“ Widersprüchlichkeit hinterlässt in mir viel Fragwürdiges und Nachdenkliches.
Und schon melde ich mich wieder aus dem fernen Indien!
Heute berichte ich etwas über meine letzten Tage hier in Kolkata, denn es war das Fest der Feste für alle hinduistischen Westbengalen. Durga Puja! Durga Puja ist vergleichbar mit Ostern und Weihnachten zusammen und wir ganze 10 Tage lang gefeiert. So wie Köln und Rio de Janeiro für Karneval, ist Kolkata für das Durga Puja berühmt und jährlich kommen Millionen, um sich dem “pendal hopping” zu widmen.
In der letzten Woche haben wir mit den Kindern das Erntedankfest gefeiert. Zum Abschluss gab es einen kleinen Wochenmarkt, auf dem viele gespendete Früchte und Selbstgemachtes aus verschiedenen Ländern für einen guten Zweck verkauft wurden.
Alle Mitarbeiter waren mehrere Tage damit beschäftigt, mit den Kindern zu kochen und zu backen. Derzeit arbeitet im Rahmen einer Maßnahme der AGOS auch eine junge Frau mit türkischen Wurzeln als hauswirtschaftliche Hilfskraft in der Kita.
Hatice (Name geändert) kann sehr gut kochen, daher haben wir sie gefragt, ob sie eine türkische Spezialität für den Wochenmarkt herstellen kann. Die Vorbereitungen auf das Fest mit den Kindern hat sie mitbekommen und über die Bedeutung habe ich mich mit ihr unterhalten: Wir danken Gott für die wunderbare Schöpfung, für die Früchte, die wir ernten und dass wir genug zu essen haben…
Hatice hat zugesagt und uns reichlich Lahmacun gebacken. Als ich ihr das Geld für die Zutaten erstatten will, lehnt sie ab: “Ich gebe das für Gott!”
Immer wieder gibt es Situationen und Gelegneheiten, in denen Christen und Muslime mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten ihres Glaubens konfrontiert werden. Eine gute Gelegenheit auch schon für Kinder, etwas über den anderen zu erfahren, den eigenen Glauben zu festigen und sich gegenseitig Wertschätzung auszudrücken.
Am Montag hatte ich in Erfurt zu tun. Es war eine angenehme Reise durch den goldenen Oktober. Bei der Fahrt nach Thüringen keine Spur der alten Grenze, an der ich so viele Schikanen, so viele Ängste und so viele Geduldsproben erlebt habe bei Besuchen in der ehemaligen DDR.
Als Kinder haben wir nach jedem Gottesdienst gebetet: „… dass du unserem Vaterland die Einheit schenken mögest.“ Vorstellen konnte ich mir ein solches gemeinsames Deutschland nicht. Erwartet habe ich es auch nicht. Nun haben wir es schon 20 Jahre.
Noch immer wirkt die Teilung in manchen Bereichen nach, besonders auch in den Köpfen und Herzen. Mancher sehnt sich gar in die umzäunte und ummauerte Welt zurück, in der er sich sicherer fühlte, der Freiheit nicht so ausgesetzt mit ihren verschiedenen Gesichtern. Freiheit und Einheit fordern mehr heraus als klar abgegrenzte Lebensräume.
Längst geht es nicht mehr nur um die Herkunft aus Ost oder West. Inzwischen wird entscheidender, wie Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur, Religion miteinander leben lernen: verwurzelt in ihren eigenen Lebens- und Glaubenserfahrungen und zugleich voller Respekt und Toleranz für den Anderen. Dann wird unser Land auch unter dem Gebot der inneren Neutralität nicht religiös geruchs- und geschmackslos, das heißt ohne christlich-jüdischen ,Stallgeruch‘ und ohne Geschmack für die Feinheiten verschiedener Kulturen in unserer vielschichtigen Wirklichkeit.
Nächste Woche reise ich nach Instanbul, der bunten Stadt mit einer großen Geschichte der Religionen. Ich hoffe, dass der lange Weg zu einem wirklichen Dialog oder besser Trialog der Religionen uns nicht zu steinig wird. Ich hoffe, dass wir Schritt für Schritt lernen, die Höhe und die Tiefe des immer größeren Gottes auszuloten. Und ich hoffe, dass gerade der Besuch dieser Stadt mich neue Horizonte erfahren lässt für die Suche nach Frieden nicht trotz der Religionen, sondern gerade mit und in den Religionen wegen ihrer versöhnenden Kraft.
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